Georgien - Ein Land gefangen zwischen Ost und West?

Das Taxi klappert, der Fahrer sitzt auf der rechten Seite, es herrscht zwar kein Linksverkehr in Georgien, aber solange etwas fährt darf es gefahren werden. An den Bäumen am Straßenrand hängen Zitronen, eine Kuh grast am Fahrbahnrand. Der Fahrer bremst abrupt, da ein paar Schafe die zweispurige Straße überqueren müssen. Nur vier Flugstunden trennen Berlin von Kutaissi und dennoch eröffnet sich vor unseren Augen eine andere Welt. Eine Welt, in der die EU und die NATO alles bedeuten und in der Deutschland die Rolle des Herzensbrechers einnimmt. Aber dazu später mehr.

 

In Kutaissi, der drittgrößten Stadt des Landes, beginnt das einwöchige Initiativseminar „Georgien – Ein Land gefangen zwischen Ost und West?“, an dem 24 Stipendiaten teilnehmen und das von Herrn Professor Dr. Burkard Steppacher betreut wird. Die meisten von uns gehen mit offenen Fragen in das Programm, das von Vorträgen, Gesprächsrunden und Stadtführungen nur so strotzt. „Das ist ein toller Rahmen für so eine Reise. Georgien ist ein Land, über das wir in Deutschland sehr wenig wissen, deshalb lohnt es sich, sich mit dem Land einmal auseinanderzusetzen“, sagt Stipendiat Matthias Forster.

 

Eine wechselhafte Geschichte

 

In drei Vorträgen und einer Gruppenarbeit lernen die Seminarteilnehmer zunächst die Eckpfeiler der Geschichte Georgiens kennen. Georgische Stipendiaten aus der Auslandsförderung geben ihr Wissen zur früheren Monarchie in Georgien weiter und Irakli Chvadagiani, Vorstandsmitglied des Thinktanks „SOVLAB“, hält einen Vortrag zum Zerfall der Sowjetunion. Auch bei einem Besuch des Museums zur Sowjetischen Besatzung steht das sowjetische Georgien im Mittelpunkt. Sich in die neuere georgische Geschichte einzuarbeiten ist dann Aufgabe der Stipendiaten selbst. Die Gruppenarbeit zur sogenannten Rosenrevolution von 2003 trägt viel zum Verständnis georgischer Sorgen, Nöte, aber auch Fortschritte bei.

 

 

Der Freund in weiter Ferne

 

„Am meisten überrascht hat mich der unglaubliche Drang aller Politiker, in die EU einzutreten“, sagt Stipendiat Matthias Böttger. Und tatsächlich, egal ob bei Besuchen des georgischen Parlaments in Kutaissi und Tiflis, bei Gesprächen im Außenministerium, im Ministerium für Versöhnung und bürgerliche Gleichheit und mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Vasil Sikharulidze: Darüber, dass Georgien Mitglied der EU und der NATO werden soll, herrscht bedingungslose Einigkeit. „Würde es die NATO nicht geben, müsste sie erfunden werden“, fasst Vasil Sikharulidze das überzeugte „Ja“ zu westlichen Institutionen zusammen. Das Verhältnis zur Bundesrepublik ist dann unter anderem Thema bei einem Dinnervortrag, der von Mitarbeitern des Regionalprogramms „Politischer Dialog Südkaukasus“ der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tiflis gehalten wird. Bisher hatte sich Deutschland gegenüber einem EU- und NATO-Beitritt Georgiens eher zurückhaltend geäußert. „Ein gebrochenes Herz“ ist es daher, was Professor Dr. David Aprasidze von der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Ilia State University den Georgiern in Hinblick auf die Deutschen attestiert. Wir als Gruppe bekommen davon zum Glück nichts zu spüren – ganz im Gegenteil: Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft über alle Sprachbarrieren hinweg ist es, was wir in Georgien erleben.

 

 

Der Rivale vor der Haustür

 

Neben der Begeisterung für die EU und die NATO ist es der Konflikt rund um die Gebiete Abchasien und Südossetien, der zentraler Bestandteil all unserer Gespräche ist. Die Stipendiaten bekommen unter anderem die Gelegenheit, sich mit Vasil Sikharulidze, Verteidigungsminister a.D. und Vorsitzender des „Atlantic Council of Georgia“ über den georgisch-russischen Krieg von 2008 auszutauschen und mit Ketevan Tsikhelashvili, der Staatsministerin für Versöhnung und bürgerliche Gleichheit, über die Sezessionsbestrebungen Südossetiens und Abchasiens zu sprechen. 

 

 

Unvergesslichstes Erlebnis der Reise ist für viele Stipendiaten dann der Besuch der Okkupationslinie zwischen Georgien und der abtrünnigen Zchinwali Region / Südossetien, was nur mit vorheriger Genehmigung des Außenministeriums und mit Polizeischutz möglich ist. In Pickups fahren wir durch ein Nirgendwo aus staubigem Ackerland und Wellblechhütten, unser Reisebus muss stehenbleiben. Grenzpolizei oder Militärs sehen wir nicht. Was wir nicht wissen: In einem Graben hinter einem Erdwall auf der südossetischen Seite verstecken sich südossetische Sicherheitskräfte und beobachten uns, wie uns die Polizei später mitteilt. Plötzlich tritt ein alter Mann von südossetischer Seite an den Zaun. Seine Frau sei schwer krank, aber behandeln lassen kann er sie nicht, denn die Grenze verläuft neben seinem Grundstück. Und auch wenn das Schicksal den Zaun in seine Nachbarschaft gelegt hat: Weg möchte der Mann nicht, denn es ist sein Zuhause. Nicht nur für die deutschen Seminarteilnehmer ist der Besuch der Okkupationslinie sehr einprägsam. Auch von den georgischen Stipendiaten waren nicht alle zuvor dort. „Das war sehr emotional, einer der emotionalsten Tage meines Lebens. Ich war sehr beeindruckt, aber eher im negativen Sinne“, sagt Stipendiatin Rusudan Mikelashvili.

 

 

Das Vorgehen der Europäischen Union im Hinblick auf die Sezessionsbestrebungen wird den Stipendiaten dann beim Besuch der Monitoring Mission der Europäischen Union vorgestellt. Die EUMM verfolgt das Ziel, Aktivitäten an der Okkupationslinie zu beobachten. Auch die deutsche Außenpolitik in Bezug auf Georgien stellt einen Bestandteil des Seminarprogramms dar: Bei einem Besuch in der Deutschen Botschaft in Tiflis dürfen die Stipendiaten dem neuen Botschafter Hubert Knirsch all ihre Fragen stellen. Dabei stehen politische und historische Fragen im Vordergrund, wobei Botschafter Knirsch auch vielfach auf die lebhafte georgische Kulturlandschaft hinweist. 

 

 

Religion? – Nicht wegzudenken!

 

Ist Religion Teil der Kultur? Auch wenn sich daran die Geister scheiden, in Georgien gehört die orthodoxe Kirche untrennbar dazu. Bei zwei Stadtführungen in Tiflis und Kutaissi zählen Sakralbauten wie die Bagrati-Kathedrale zu den wichtigsten Stopps. Ein längerer Aufenthalt im Kloster Gelati unweit von Kutaissi erlaubt es, mehr über Georgiens Kirchengeschichte, Kirchenbau und auch kirchliche Malerei zu erfahren. Doch auch im vermeintlich Privaten spielt die Politik eine wichtige Rolle. In einem Vortrag informiert Sopho Zviadadze, Religionswissenschaftlerin der Ilia State University, die Stipendiaten über die Stellung der orthodoxen Kirche in der georgischen Gesellschaft. „Bei dem Vortrag wurde klar, dass wir viel über Demokratie, viel über Europa reden, aber die Kirche in dem Staat eine unglaubliche Rolle spielt. Dass Politik danach gemacht wird, was ein Patriarch sagt und dass man diesem nicht widersprechen kann, das fand ich faszinierend“, sagt Stipendiat Tobias Tigges. 

 

Ist die lokale Küche automatisch Teil einer Kultur? Auch diese Frage kann man nicht in einem Seminarbericht klären, jedoch bleibt die Woche in Georgien auch durch die vielen geselligen Abende in urigen Weinlokalen und hippen Restaurants in Erinnerung, die auch in Berlin, Tel Aviv oder London sein könnten. Bei Walnusspaste, Hähnchen in Pflaumensauce, gefüllten Paprikaschoten oder dem traditionellen Käsegebäck Chatschapuri sammeln die Stipendiaten Kraft für die vielen Termine. Auch ein Abend auf einem Weingut nahe der Hauptstadt ist Teil des Seminarprogramms – ein Ausklang in typisch georgischer Atmosphäre.

 

 

Georgien zum Anfassen 

 

Letztlich waren es genauso dieses unbeschwerte Miteinander und der Austausch, der dem Seminar viel Intensität und eine außergewöhnlich gute Gruppendynamik verlieh. Das Gelernte wurde nicht in sterilen Konferenzräumen oder Seminarräumen vermittelt, sondern direkt bei den Menschen, in zwei verschiedenen Städten, im Parlament, im Ministerium, im Regierungsgebäude, in Klöstern und Kirchen und nicht zuletzt an der Okkupationslinie. Beim Dinnervortrag, zu dem wir vom KAS-Büro in Tiflis eingeladen wurden, waren auch georgische Studierende und Berufsanfänger anwesend, was ein sehr nettes Kennenlernen und spannende Gespräche ermöglichte. Diese besondere Art der Weiterbildung war auch dadurch gegeben, dass georgische Stipendiaten aus der Ausländerförderung Teil des Organisationsteams waren. Ob beim Essen oder über das Bordmikrofon im Bus: Ständig wurde uns Wissen aus erster Hand vermittelt, von Menschen, die sich mit Land und Leuten auskennen wie niemand sonst. Stipendiatin Mariam Kheladze war genau das ein persönliches Anliegen: „Am wichtigsten finde ich, dass durch solche Seminare den Stipendiatinnen und Stipendiaten aus aller Welt ermöglicht wird, über den eigenen Tellerrand zu schauen, sich Anregungen zu holen und die gewonnenen neuen Ideen in die eigene Arbeit einfließen zu lassen. Ich hoffe, dass sich meine Konstipendiaten ein mehr oder weniger umfassendes Bild von der Politik, Kultur und Gesellschaft Georgiens verschaffen konnten und auf das Gehörte und Erlebte in der Zukunft gerne zurückblicken werden.“ Stipendiat Mikheil Sarjveladze erklärte den Wandel in Georgien oft am eigenen Beispiel, was uns als Gruppe einen sehr persönlichen Zugang ermöglichte. „Georgien verändert sich sehr schnell. Als ich noch zur Schule ging, gab es auf dem Land keinen Strom“, sagte er beispielsweise zu Beginn des Seminars.

Aber auch den weiteren Mitgliedern des Organisationsteams, Rusudan Mikelashvili, Daniel Spitz und Anton Rettenmayr, gebührt größte Anerkennung und Dank für ein Seminar, das lehrreicher aber auch angenehmer nicht hätte sein können. Zu danken ist außerdem Tobias Tigges, der das Team gerade in der Anfangsphase der Seminarorganisation tatkräftig unterstützte.  Ein großer Dank gilt an dieser Stelle auch Herrn Professor Dr. Burkard Steppacher, der zu jeder Zeit mit einem riesigen Schatz an Detailwissen offene Fragen beantworten konnte und auch durch eigene Fragen für kritische und informative Diskussionen mit allen Gesprächspartnern und Seminarteilnehmern sorgte. Ein ebenso großer Dank gilt auch dem Regionalprogramm „Politischer Dialog Südkaukasus“ der Konrad-Adenauer-Stiftung für die große Gastfreundschaft und die organisatorische Unterstützung des Seminars.

 


Autorin: Jana Pecikiewicz

Fotos: KAS-Stipendiaten