Ehrenamt: Die Debatte als Sport: Über Debattierclubs an Universitäten bis hin zu den European University Debating Championships (EUDC)

„Dieses Haus würde ein verpflichtendes soziales Jahr einführen“ oder auch „Dieses Haus, als Finnland, würde der Nato beitreten“

Seit ungefähr 20 Jahren hat sich der akademische Debattiersport nun auch in Deutschland mit solchen Themen beschäftigt. Wie so viele Trends, ist auch das Debattieren dem englischsprachigen Raum entwachsen und nimmt dabei einen immer wichtigeren Raum an Universitäten als Vermittler von demokratischer Streitkultur ein.  

 

Das „House of Lords“ - zwei Degenlängen Abstand

Die Formulierung „Dieses Haus würde…“ zeigt dabei die deutliche Anlehnung des Formats an das englische Parlament mit dem „House of Lords“ und dem „House of Commons“. Dabei geht das Gerücht die Runde, dass der Abstand zwischen den beiden Seiten zwei Degenlängen beträgt. Somit gibt es hier die klare Zielsetzung, Konflikte fortan im Parlament und mit Worten auszutragen. 

 

Beim Hochschuldebattieren gibt es nach dem internationalen Regelwerk jeweils zwei Regierungs- (Pro) und Oppositionsparteien (Contra), die das Thema für ihre Seite beanspruchen wollen. Ziel ist dabei nicht, am Ende einen Kompromiss zu finden, sondern die zugrundeliegenden Konflikte (z.B. Freiheit vs. Sicherheit) anschaulich herauszuarbeiten. Dabei soll nicht der Gegner, sondern das Publikum – sozusagen der Wähler – überzeugt werden. Im studentischen Wettbewerb wird dies durch Juroren nachgebildet, die formatabhängig nach Inhalt, Relevanz und Rhetorik bewerten. Die Position, die man vertritt, wird dabei zugelost. Dies ist einerseits natürlich eine Herausforderung, befreit aber andererseits auch von parteipolitischen Barrieren und ideologischen Denkblockaden.


Foto: Carolin Albers
Foto: Carolin Albers

Die Debatte als gesellschaftlicher Meinungsaustausch 

Das Debattieren ist jedoch mehr als eine bloße akademische Übung. Die Debatten dienen als Leuchtfeuer der politischen Streitkultur. In öffentlichen Finalveranstaltungen von Turnieren werden aktuell relevante Themen behandelt und dabei vorgeführt, wie man dem Publikum auf sachlicher Ebene und dennoch rhetorisch anschaulich auch schwierige Themen nahebringen kann. Gerade durch die festen Formatvorgaben, wie beispielsweise feste Redezeiten, wird ein gesitteter Ablauf ermöglicht, an dem es heutzutage oft mangelt. 

Die Europameisterschaften 

Neben den Debatten innerhalb eines Debattierclubs sind es vor allem die nationalen und internationalen Turniere, die im Mittelpunkt stehen. Hier messen sich Debattierer aus allen Teilen des deutschsprachigen Raumes oder, wie zuletzt bei der Europameisterschaft, sogar aus ganz Europa.

 

Zusammen mit den Konstipendiaten Tobias Tigges und Pascal Beleiu besuchte ich dieses Highlight der Debattiersaison, welches im August in Tallinn (Estland) stattfand. 


Über 200 Teams aus ganz Europa traten hierbei gegeneinander an -  in der „offenen“ Kategorie und in „English as a second language“ (ESL) für Nicht-Muttersprachler. Unser Heidelberger Team mit Pascal und mir erreichte dabei in diesem Jahr die vierbeste Platzierung aller deutschen ESL-Teams und insgesamt den 28. Platz von über 110 Teams in dieser Kategorie. Im ESL-Finale zum Thema “This house believes that Western European states at high risk for terror attacks should implement ‘state of emergency’ laws” gewann ein Team aus Tel Aviv (Israel zählt ähnlich wie bei anderen Veranstaltungen hier ebenfalls zu Europa), während sich Glasgow zu „This house as the Kremlin would commemorate the 1917 Russian Revolution as a tradegy rather than a triumph for the nation“ durchsetzen konnte. Dieses Thema wurde dabei explizit aus Sicht des Kremls gestellt, das heißt mit der zusätzlichen Herausforderungen, die Überlegungen und strategischen Interessens dieses Akteurs nachzuvollziehen.   

 

Die Deutschsprachigen Meisterschaften und der Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) e.V.

 

Aber auch die Turniere auf deutscher Ebene müssen sich nicht verstecken. Da solche Großveranstaltungen sowohl eine organisatorische Herausforderung sind als auch natürlich Sponsoren benötigen, gibt es einen Dachverband, den Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) e.V., in dem sich die Debattierclubs zusammengeschlossen haben. Dieser richtet jährlich neben der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft (DDM) auch drei Regionalmeisterschaften und vier weitere große Turniere (aktuell „ZEIT DEBATTEN“) aus. Dabei wird neben dem sportlichen Charakter immer Wert auf die Öffentlichkeitswirkung und Repräsentanz gelegt. So richtete Heidelberg 2016 die DDM aus, deren Finale in der alten Aula der Universität mit Ehrengästen wie Muhterem Aras (Landtagspräsidentin Baden-Württemberg, Die Grünen),  Prof. Dr. Dieter Heermann (Prorektor Uni Heidelberg) oder  Norbert Lehmann (ZDF) stattfand.


Neugierig geworden? – Die Vereine vor Ort!

 

Inzwischen gibt es im deutschsprachigen Raum über 70 Debattierclubs, insbesondere an fast allen Universitätsstädten. Die Vereine vor Ort trainieren dabei in Clubdebatten wöchentlich (oder sogar öfter) jede Woche zu einem neuen Thema – je nach Verein sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Dabei wird darauf Wert gelegt, dass man sich auch persönlich verbessert. Die Fähigkeit, sich in gerade einmal 15 Minuten Vorbereitungszeit in ein Thema auf eine zugeloste Seite einzudenken, hilft auch in vielerlei weiteren Lebenssituationen. Während der Debatte lernt man, der Gegenseite zuzuhören, aber auch Argumentationsschwächen zu erkennen. Das persönliche Feedback im Anschluss der Debatte hilft einem dabei, sich bereits in der nächsten Woche  weiter zu entwickeln - je nach Format liegt auch hier der Schwerpunkt eher auf der inhaltlichen Analyse oder dem eloquenten Überzeugen und einem selbstbewussten Auftreten. 

Seit ein paar Wochen setze ich mich auch persönlich als Verbandspräsident des VDCH für das Debattieren ein. Neben der Ausrichtung der großen Turnierserie vermitteln wir auch Rhetorik- und Debattiertrainer und helfen den Vereinen bei ihrer lokalen Arbeit. Bei Rückfragen dazu und diesem Artikel stehe ich unter benedikt.rennekamp@vdch.de zur Verfügung. 

 

Reden lernt man nur durch Reden

Gerade in einem Zeitalter des Populismus, darf der Wert des gepflegten Streitens nicht vergessen werden. Die Debattierclubs stehen dabei jedem offen und gemäß der Aussage Ciceros, der sagte, „Reden lernt man nur durch Reden“, kann ich nur jeden ermutigen, bei den Vereinen oder den Veranstaltungen einen Blick in diesen ungewöhnlichen Wettbewerb zu werfen. 

 


Der Autor: Benedikt Rennekamp ist seit 2015 Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und Mitglied der Hochschulgruppe Heidelberg 02. Dort studiert er Physik im Master und debattiert bereits seit 2014 im Debating Club Heidelberg e.V. (DCH).  Bis zum Sommer 2017 war er Vorsitzender des DCH und ist nun Präsident des Verbandes der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) e.V. Mehr Infos dazu unter: www.vdch.de