Seminarzeit: Südtirol - Zwischen Europa und Disagio

Ausblick von der Unterkunft in Lichtenstern                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Foto: Vanessa Wahlig

Südtirol oder auf Italienisch auch „Alto Adige“: Die ersten Assoziationen, die die meisten mit dieser Region haben, sind wahrscheinlich kulinarischer Natur. Da gibt es die knackigen Äpfel, die in die ganze Welt exportiert werden, den Südtiroler Speck und um beim Törggelen zubleiben, die Weinvielfalt der Region im Norden Italiens. Da sind Persönlichkeiten wie Reinhold Messner, Markus Lanz oder die Kastelruther Spatzen. Aber auch das große politische Thema Autonomie schwingt bei dem Gedanken an Südtirol ebenso mit. Kaum eine andere italienische Region fühlt sich so dem europäischen Gedanken verpflichtet wie Südtirol. Auch wenn die Region mit ihren 116 Gemeinden in vielen Bereichen eher ländlich, ruhig und friedlich wirkt, offenbart Südtirol eine ganze Reihe versteckter Seiten, die sich jeder Besucher der Region einmal näher anschauen sollte. 

Autonomie und Mehrsprachigkeit – Geschichte und Jetzt:

Die wichtigsten Fakten zu Südtirol finden sich in der Karte – Einfach Punkte anklicken:

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Dass Südtirol vielfältige Themen zu bieten hat konnten 29 Stipendiatinnen und Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung während des Kompaktseminars „Miteinander in Europa: Politische Autonomie und Minderheiten in Südtirol“ erfahren. Unter der Leitung von Dr. Frank Müller standen während der Seminarwoche auf mehr als 1.200 Metern nicht nur eine unbekannte Sprache auf dem Programm, sondern auch die Möglichkeit mit dem Bozener Quarzporphyr auf Tuchfühlung zu gehen. An dieser Stelle sei charmant schon mal an dem einzigartigen Vertrauensdozenten Dr. Hans-Joachim Fuchs verwiesen, der den Seminarteilnehmern auch noch das trockenste Gestein anschaulich erklärte. Dr. Hans-Joachim Fuchs, Dr. Rainer Täubrich, Michael Gentsch, Prof. Dr. Christina Sichtmann und nicht zuletzt Dr. Müller, durch das von ihm gestaltete Programm, haben den Stipendiaten Südtirol in seiner ganzen Fülle nähergebracht. 

 

Mit diesem Seminarbericht lassen wir Euch gerne daran teilhaben, was uns Stipendiaten in einer Woche Südtirol begegnete und was wir als Teilnehmer des Seminars gelernt haben.

Die Gruppe bei der landeskundlichen Wanderung in Saltria.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Foto: Vanessa Wahlig

Südtirol als Teil Europas – in Italien

 

Vorzeige-Autonomie in Europa, Europa der Regionen und Südtiroler Volkspartei – das sind wohl die wichtigsten Schlagworte, wenn über die Politik in Südtirol gesprochen wird. Einen Einblick in die Politik der Region gaben uns gleich zwei führende Politiker Südtirols. Zunächst sprach Professor Dr. Francesco Palermo, Senator in Rom für die Region Südtirol, mit uns über die Beziehungen zwischen Regions- und Hauptstadtpolitik. Besondere Themen waren dabei der Minderheitenschutz und die Zukunft der repräsentativen Demokratie im Kontext der südtiroler Autonomie. Denn auch wenn Südtirol für die meisten Urlauber ein Stück deutsches Italien ist, ist bis heute ein Konflikt zwischen den verschiedensprachigen Gruppen im Land allgegenwärtig. Oftmals leben die italienisch- und deutschsprachigen Südtiroler nicht miteinander, sondern vielmehr nebeneinander. Und dies bereits von klein auf: Südtirol ist zwar eine zweisprachige beziehungsweise dreisprachige Region, doch findet man nur wenige mehrsprachige Schulen. Die jeweils andere Sprache wird vielmehr als Fremdsprache unterrichtet. Francesco Palermo sieht vor allem in diesem Schulsystem „nicht überwindbare Grenzen zwischen den Sprachgruppen“ – Ziel müsse daher sein, das Zusammenleben und vor allem die Kommunikation zwischen den Sprachgruppen zu fördern.  

                                                                                                                                         Senator Prof. Dr. Francesco Palermo                                                                                                                       Foto: Vanessa Wahlig

In den Diskussionen über die Autonomie wird immer mal wieder auch ein Blick auf die Idee der Vollautonomie geworfen. Wirklich wünschenswert ist diese aber eigentlich nicht: Vollautonomie bedeutet in vielen Bereichen einen Ausbau nach außen. Dabei ist der Ausbau nach innen ebenso wichtig. Senator Palermo hat Skepsis gegenüber denjenigen gezeigt, die den Begriff der Vollautonomie (eher) nach außen wenden wollen. Allerdings umfasst er nach innen auch noch weitere Dimensionen, die Palermo durchaus unterstützt, beispielsweise die Übernahme weiterer Kompetenzen in die primäre Zuständigkeit des Landes, insbesondere aber auch den Ausbau der Finanzautonomie. Schulen, Sprache und das Zusammenleben der verschiedenen Gruppen sind die entscheidenden Themen. Auch die schrittweise Entwicklung hin zu immer mehr Unabhängigkeit hat die Region in wenigen Jahren zu einer der reichsten Regionen Europas gemacht. Die wirtschaftliche Lage ist wichtigstes Thema in der Diskussion um die Autonomie.   

 

Als zweiter politischer Gesprächspartner stand Arno Kompatscher, Landeshauptmann der Region Südtirol, Rede und Antwort. Als einer der Verfechter des Konzepts „Europa der Regionen“ stellte der SVP-Politiker Südtirols Rolle in Europa vor. Er sieht die europäische Frage als eine Frage der Perspektive für die Zukunft der Region. Wenn sich die Südtiroler an Europa orientieren, so Kompatscher, wären auch die Konflikte mit Italien, die es durchaus gäbe, eine Sache der Vergangenheit. Eine besonders angeregte Diskussion gab es bei diesem Programmpunkt deshalb auch über die Beziehungen zwischen Italien und Südtirol. Diplomatisch beantwortete Kompatscher auch unsere kritischen Fragen, immer auch mit einem gewissen Stolz, den besonders die deutschsprachigen Südtiroler an den Tag legen. Doch auch der Konflikt zwischen den Sprachgruppen wurde beim Gespräch im Palais Widmann in Herzen Bozens angesprochen. Ersichtlich wurde dabei, dass Mehrsprachigkeit vor allem bei den Eliten beziehungsweise dem Bildungsbürgertum funktioniert. Dabei gehe es in erster Linie um die Einstellung zum Gesamtsystem, bekräftigte der Landeshauptmann. Seine ideale Vorstellung liege darin, dass nicht die Sprache der wichtigste Bezugspunkt sei, sondern die Identifikation mit der Region. In erster Linie solle jeder Südtiroler sein.

                                                                                                           Die Gruppe im Gespräch mit dem Landeshauptmann Arno Kompatscher (rechts).                                                                 Foto: Vanessa Wahlig

Mit rund 62 Prozent stellen die deutschsprachigen Südtiroler den größten Bevölkerungsanteil – was zu Unbehagen führt. Dieses Gefühl der Italiener in Südtirol ist mit der italienischen Bezeichnung für Unbehagen, „Disagio“, in der Region schon zu einem geflügelten Wort geworden. Es bezeichnet eine Bedeutungslosigkeit der italienischen Sprachgruppe. Wurde die Italianisierung der Region im faschistischen Regime unter Mussolini noch besonders stark vorangetrieben, so sind die zweisprachigen Städte- und Flurnamen heute einige der wenigen Überbleibsel der einstigen Dominanz des Italienischen. Sie gehen auf Ettore Tolomei, einem Verfechter der Brennergrenze und Namensgeber der italienischen Bezeichnungen von Ortschaften in Südtirol, zurück. Um diesen „Disagio“ von heute zu erfassen und die Entwicklung des Konfliktes zu verstehen, stand daher auch ein Besuch der Dokumentationsausstellung „BZ 18-45 – ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen“ im Siegesdenkmal in Bozen auf dem Seminarplan. Gerade das Siegesdenkmal, das sich durch eine typische italienische beziehungsweise vielmehr noch faschistische Architektur auszeichnet, markiert in Bozen eine tiefgreifende städtebauliche Umgestaltung und damit Italianisierung der Stadt. Solche Umgestaltungen werden auch heute noch als „Überfall“ auf die Tiroler Kultur verstanden. Insgesamt fühlen sich viele Südtiroler eher zu Österreich als zu Italien hingezogen.

 

In der Diskussion um Deutsch und Italienisch wird oftmals die dritte Sprachgruppe in Südtirol vergessen: Die Ladinische Sprachgruppe, mit der die Gruppe auch auf Tuchfüllung ging. In Wolkenstein wurden wir von Dr. Leander Moroder, dem Direktor des ladinischen Kulturinstituts „Micura‘ de Rü“, empfangen. Das Institut besteht seit 1976 und kümmert sich um den Schutz der ladinischen Sprache. Neben Wörterbüchern pflegt das Institut die Sprache auch durch Internetangebote wie Übersetzungsportale oder Musikangebote. Wie die Sprache klingt? Das verrät das Video zum Seminar oder die Seite des Instituts. Was bei den italienischen und deutschen Sprachgruppen noch nicht funktioniert, klappt bei den Ladinern schon ganz gut: Das Schulsystem in den ladinischen Sprachgebieten ist paritätisch. Unterrichtet wird auf Ladinisch, Deutsch und Italienisch. Hinzu kommen noch Fremdsprachen wie Englisch – gelebte Mehrsprachigkeit.  

                                                                                                                                     Dr. Leander Moroder – Direktor des ladinischen Kulturinstituts                                                             Foto: Vanessa Wahlig

Mein Land Tirol – Musikalische Tuchfüllung mit Andreas Hofer

 

Wer auf ein KAS-Seminar fährt, der sollte auf jeden Fall seine Stimmbänder ölen, vor allem dann, wenn als Referent Dr. Rainer Täubrich auf dem Seminarplan steht. Auch dazu gibt es im Video einen kleinen Einblick. 

Wer sich mit der Geschichte des Konflikts um Südtirol beschäftig wird recht schnell auf den Namen Andreas Hofer stoßen. Der Freiheitskämpfer ist in Tirol bis heute ein Nationalheld. Er nahm 1809 am Widerstand gegen die Franzosen und Bayern teil. Damals stand Tirol unter bayrischer Herrschaft, nachdem Österreich im dritten Koalitionskrieg eine Niederlage gegen das napoleonische Frankreich hinnehmen musste, welches mit Bayern verbündet war. Im Widerstand gegen die bayrischen Truppen wurde Hofer festgenommen, nach Mantua gebracht und dort zur Hinrichtung verurteilt. Die Geschichte des Andreas Hofer erzählte Dr. Rainer Täubrich während des Ausfluges nach Meran eindrucksvoll – nicht ohne uns ihn und seinen Kampf gegen die Fremdherrschaft auch musikalisch näherzubringen. Nach einem Fußmarsch zum Schloss Tirol und dessen Besichtigung nahm es sich Dr. Rainer Täubrich deshalb auch nicht die Notenblätter auszuteilen. Mit der Aussicht auf Meran wurde dann im Schatten des Schloss Tirols das Andreas-Hofer-Lied angestimmt. 

 

Südtirols Landschaft ist neben den Bergen auch von Burgen und Schlössern geprägt. So blieb das Schloss Tirol nicht das einzige Gemäuer, das wir während des Seminars besuchten. 

Auch auf Schloss Sigmundskron bei Bozen erwartete uns ein bekannter Name, denn es gehört einem der bekanntesten Südtiroler der heutigen Zeit: Reinhold Messner. Als eins von sechs gehört Schloss Sigmundskron zu den Messner Mountain Museen. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Thema „Mensch-Berg“. Neben der Besichtigung der Dauerausstellung hatten wir als Stipendiaten auch die Möglichkeit, die „Hausherrin“ kennenzulernen. Magdalena Maria Messner, Tochter der Bergsteigerlegende, ist Direktorin der Messner Mountain Museen und sprach mit uns über ihre Aufgaben, ihren berühmten Vater und über das, was für sie „Heimat“ bedeutet. Auch beim Gespräch mit Magdalena Maria Messner wurde deutlich, dass sich die deutschsprachigen Südtiroler in erster Linie als Südtiroler, dann Europäer und erst an dritter Stelle als Italiener fühlen. Für Messner ist „Heimat“ deshalb ein schwieriger Begriff: Heimat hat aufgrund der Geschichte auch immer einen negativen Beigeschmack. Sie spricht lieber von „Zuhause“ und dieses Zuhause liegt für sie in Südtirol und auf den Bergen. Dort schätzt sie am meisten den Weitblick.  

 

                                                                                                                                       Magdalena Maria Messner – Direktorin Messner Mountain Museum                                              Foto: Vanessa Wahlig

Südtirol – Marke mit Charme

 

Gerade bei Deutschen ist Südtirol ein beliebtes Urlaubsziel. Italienisches Flair mischt sich hier mit österreichischer Tugend. Südtirol ist längst zur Marke geworden, die auch vermarket werden will. Zusammen mit der Vertrauensdozentin Prof. Dr. Christina Sichtmann, Professorin für Internationales Marketing an der Uni Wien, hat die Gruppe deshalb eigene Konzepte entwickelt, um die Marke Südtirol auf dem Reisemarkt noch besser positionieren zu können.

Wir Stipendiaten bildeten also eine Marketingabteilung und entwickelten mit Schere, Kleber und einem Packen Zeitungen ausgestattet, Marketingplakate zu unterschiedlichen Themen wie Wandern, Radfahren oder Wellness. Für die Präsentation der Ergebnisse wurden dann Kreativität, Teamwork und auch schauspielerisches Talent benötigt. Manche Performance war da auch schon fast Oscar-verdächtig. Da auf unserem Seminar aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen sollte, waren die Abende neben der Weinvielfalt auch den traditionellen Tänzen der Region gewidmet. Mit der Unterstützung der Oberbozener Trachtengruppe wurde das, was die meisten Seminarteilnehmer einmal in der Tanzschule gelernt hatten, auf ein ganz neues Niveau gebracht. Wurde die Tradition der Region beim Gestalten der Marketingplakate noch visuell dargestellt, so wurde sie bei den Tanzabenden gelebt.

 

Bozener Quarzporphyr -  Mit Hammer und Meißel in die Natur

 

Was haben ein Meißel, ein Verbandkasten und ein Rolle Toilettenpapier gemeinsam? Auf den ersten Blick natürlich nichts – auf den zweiten Blick sei erklärt, dass man alle drei Dinge braucht oder gebrauchen könnte, wenn man sich in Südtirol auf Wanderschaft begibt. Wer den Bozener Quarzporphyr von seiner schönsten Seite kennenlernen möchte, der sollte auf eine solche Wanderschaft neben den genannten Gegenständen auch Prof. Dr. Hans-Joachim Fuchs mitnehmen. Großes Glück also, dass Herr Dr. Müller den Professor des Geographischen Instituts der Universität Mainz für uns gewinnen konnte. Neben den Rittner Erdpyramiden, die Herr Dr. Fuchs, wie er uns beteuerte, auch vorgetanzt hätte, stellte er uns während der landeskundlichen Wanderschaft zwischen Südtirol und dem Trentino die Besonderheiten der Dolomiten vor. Geschiebe, Grundmöranen und Trogschultern waren dabei nur einige der geografischen Seiten Südtirols, die Dr. Fuchs uns erläuterte.  

 

Zum Abschluss des Seminares auf der Saltner Schwaige in Saltria wurde es dann doch noch einmal kulinarisch. Denn Südtirol bietet zwar viel mehr als nur gutes Essen – aber fehlen sollte es dennoch bei einem Besuch der Region auf keinen Fall.  

 

Wie das Seminar aussah, was uns unsere Gesprächspartner über Südtirol erzählten und wie wir Seminarteilnehmer das Seminar empfanden seht ihr im Video.


Autorin: Vanessa Verena Wahlig ist seit 2015 Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung. Sie studiert an der Justus-Liebig- Universität Gießen Demokratie und Governance im Master. Im Anschluss an das Südtirolseminar hat sie ein Praktikum bei Rai Südtriol gemacht und ist nun hin und weg von der Region.