Georgien - Die Brücke zwischen Europa und Asien

In Georgien sind Schilder und Aushänge oft mehrsprachig - viele junge Georgier lernen auch Deutsch.                                                                                                                                                           (Foto: Leonie Schiedeck)

Warum Georgien?

 

Das war wohl die häufigste Frage, die mir gestellt wurde, wenn ich erzählte, dass ich für ein Praktikum bei der Konrad-Adenauer-Stiftung nach Tiflis, Georgien, gehen würde. Meine englischsprachigen Freunde und Kollegen musste ich meist erst darüber aufklären, dass damit nicht der amerikanische Bundesstaat gemeint ist, sondern ein kleines Land im Südkaukasus. Georgien liegt zwischen Russland, Armenien und Aserbaidschan. Es besitzt außerdem zwei abtrünnige Gebiete, Süd-Ossetien und Abchasien, die unter russischer Führung stehen, und einen Zugang zum Schwarzen Meer. Tatsächlich war es mehr Zufall als Planung, dass ich in Georgien gelandet bin. Vor einigen Monaten hatte ich gelesen, dass Georgien ein wirklich wunderschönes Land sein soll, aber noch relativ unberührt vom internationalen Tourismus. Das hat mein Interesse geweckt und auf der Suche nach einem Praktikum dazu geführt, dass ich mich für ein dreimonatiges Praktikum dort beworben habe. Mit der Zeit habe ich von gutem Wein, wunderschönen Wanderrouten und heilenden Schwefelbädern erfahren, aber eine wirkliche Vorstellung konnte ich mir noch nicht machen. Aber: no risk – no fun, ich habe das Praktikum bekommen und schließlich meinen Flug ins Unbekannte gebucht. 

Willkommen in Georgien 

 

Angekommen in Georgien fällt einem zunächst die georgische Schrift auf, die vor allem durch ihre malerischen Buchstaben hervorsticht. დიდი მადლობა (Didi Madloba) heißt beispielsweise „Vielen Dank“. Oft sind jedoch Schilder in georgischer, russischer und/oder englischer Sprache, sodass man sich etwas orientieren kann. Vor allem die älteren Menschen sprechen oft auch russisch. Die jüngere Generation lernt meist Englisch und witzigerweise auch oft Deutsch. Es heißt allgemein, die Menschen in Georgien zeichnen sich durch ihre Freundlichkeit und Gastfreundschaft aus. Das kann ich nach meinen jetzigen Erfahrungen bestätigen. Sobald sich die Gelegenheit bietet, wird man zum Essen oder Kaffee eingeladen und spricht über Gott und die Welt. Georgien an sich ist ein sehr sicheres Land. Nachts auf der Straße laufen war bis jetzt nie ein Problem. Das gefährlichste ist wohl der Straßenverkehr. Besonders hervorzuheben ist die traditionelle Küche Georgiens. Sie besticht durch ihre Vielfalt und den Geschmack. Besonders berühmt sind sogenannte Chinkali (Teigtaschen gefüllt mit Fleisch, Käse oder Kartoffeln) und Chatschapuri (Käsebrot in verschiedenen Varianten). Eine weitere Spezialität ist eine Mirabellen- oder Pflaumensoße, die Tkemali genannt wird. Eine beliebte georgische Süßigkeit ist Tschurtschchela, bei der man Haselnuss- oder Walnusskerne auf eine Leine bindet und diese so lange in angedickten Traubensaft taucht, bis sich eine dünne Schicht über die Nüsse gelegt hat. Für Georgien ist außerdem für seinen Weinanbau international berühmt. Ich habe lange Zeit keinen Rotwein getrunken, aber in Georgien habe ich ihn lieben gelernt (unbedingt den semi-sweeten probieren).

 

Das Büro der KAS befindet sich in Tiflis.                                                                                                  (Foto: Leonie Schiedeck)


Tiflis – oder Tbilisi, wie man hier sagt – teilt viele Gemeinsamkeiten mit anderen Großstädten: Eine gut funktionierende Metro, Einkaufshallen, Hochhäuser. Trotzdem überzeugt diese Stadt durch ihre Einzigartigkeit. Diese zeigt sich in den kleinen Straßen mit verwitterten Häusern, durch deren Hoftore man oft einen Blick hinter die Fassaden des georgischen Lebens erhascht, wenn man aufmerksam durch die Straßen geht. Aber auch durch die vielen geöffneten Fenster, durch welche man einen „Puri“-Bäcker bei seiner Arbeit beobachten kann. Wenn man Glück hat, wird man sogar hereingebeten und kann sich den runden Steinofen („Tone“) und die traditionelle Brotbackart aus der Nähe ansehen. Außerdem locken die schnuckeligen Cafés und Restaurants, in denen man sich am Sonntag Nachtmittag gerne vorzüglich verköstigt und ein paar entspannte Stunden verbringt. In den vielen Second-Hand Läden lassen sich oft ein paar Einzelstücke ergattern, die man direkt am Abend zum Tanzen im Bassiani-Nachtclub anziehen kann. Georgien kann nämlich auch Techno!

Georgien überzeugt mit einer Mischung aus orientalischen Elementen und tiefer europäischer Zuneigung. Hier hängen sicher viel mehr Europaflaggen als in ganz Europa zusammen. Außerdem finden fast wöchentlich Veranstaltungen zur europäischen Integration statt, z.B. Europatage, EU-Day, etc. Georgien steht an der Pforte zu Asien, aber gehört doch mit Leib und Seele nach Europa. Auch das Erasmus-Programm hat Georgien erreicht! 

Mein Praktikum bei der KAS

 

Ich habe mich für das Regionalprogramm „Politischer Dialog Südkaukasus“ mit Sitz in Tiflis entschieden, da ich noch nie zu vor in dieser Region war, jedoch spannende Dinge darüber gelesen hatte. Das Regionalbüro der KAS in Tiflis/Georgien betreut zusammen mit dem Verbindungsbüro in Eriwan/Armenien Projekte im gesamten Südkaukasus.  Die Stiftung organisiert beispielsweise Projekte zur Politischen Bildung, zum interreligiösen Dialog oder zur EU-Integration. Im Vordergrund steht der politische Dialog in der Region. Insgesamt arbeiten hier 13 Personen und zwei Frauen im Verbindungsbüro in Eriwan.

Meine Aufgaben liegen in der Erstellung eines Pressespiegels zur aktuellen Politik in Georgien, Armenien und Aserbaidschan, Recherchearbeiten, Übersetzungen und genereller Mithilfe bei Projekten. Bisher habe ich beispielsweise über eine EU-Monitoring Mission in Georgien recherchiert und stelle gerade eine Auswahl internationaler Reaktionen auf den Berg-Karabach Konflikt zusammen. Außerdem habe ich bei der Durchführung eines Seminars zur Politischen Bildung für Studierende mitgeholfen und bin mit der KAS in entlegene Gegenden des Landes gefahren, um dort bei einem Projekt zur EU-Integration mitzuhelfen. Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich und es wird nie langweilig. Trotzdem bleibt Zeit für ein gemeinsames Mittagessen und Gespräche. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen Deutsch, sodass man sich gut unterhalten kann. 

 

Georgische Küche: Chatschapuri (links) und Chinkali                                                               (Fotos: Leonie Schiedeck)


Darum Georgien!

 

Alles in allem wird es wohl nicht mein letzter Aufenthalt in Georgien gewesen sein. Wer gerne im Sommer wandert, im Winter Ski fährt, oder auch einfach nur unabhängig von der Jahreszeit ein spannendes Abenteuer erleben will, ist hier genau richtig. Das Leben und Reisen hier ist nicht teuer für unsere Verhältnisse. Mittlerweile gibt es Direktflüge aus Berlin, München und Köln nach Tiflis (ein weiterer internationaler Flughafen ist in Kutaisi). Außerdem können sich deutsche Staatsbürger bis zu ein Jahr ohne Visum in Georgien aufhalten – auch für Praktika. Natürlich ist die Kommunikation nicht so leicht, jedoch helfen die Menschen gerne weiter und man kommt durch das gut ausgebaute Transportnetz wirklich überall hin. Reisen von Georgien nach Aserbaidschan und Armenien sind ebenfalls möglich. Georgien ist so vielfältig und freundlich, dass sich eine Reise hierher in jedem Falle lohnt.

Beeidruckende Landschaft: Georgien bietet nicht nur kulinarische Highlights                                                                                                                                                                                                                                                                                  (Foto: Leonie Schiedeck)


Autorin: Leonie Schiedek (24) hat BSc. Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln studiert und wird im September ihren Master in Sustainable Development an der Universität Uppsala beginnen. Sie absolviert derzeit ein dreimonatiges Praktikum beim Auslandsbüro der KAS in Tiflis/Georgien.