Unterwegs zum Everest Base Camp in Nepal

Auf dem Weg nach Thukla: Über Nacht hatte es geschneit, von Dingboche aus mussten wir durch den Schnee stapfen.                                                                                                                                                                                                       (Bild: Julia Ruhs)

Acht abenteuerlustige KAS-(Alt-)Stipendiaten machten sich auf zum höchsten Berg der Welt. Ziel: das Everest Base Camp in Nepal auf etwa 5300 Meter Höhe. 

 

Mit einiger Verspätung stiegen wir am 25. Februar in das kleine Inlandsflugzeug, das uns von Nepals Hauptstadt Kathmandu nach Lukla bringen sollte. Schlechtes Wetter hatte den Start verzögert. Wir waren froh, als wir sicher auf der kurzen Landebahn von Lukla ankamen. Denn der Flughafen gehört zu den gefährlichsten der Welt, schon einige Unglücke haben sich hier ereignet. 

 

Von Lukla aus begann unser Trek, auf 2850 Metern. Zwölf Tage waren eingeplant, etwa 2400 Höhenmeter galt es zu bewältigen, mitten durch die Khumbu-Region und den Sagarmatha-Nationalpark. Unsere elfköpfige Gruppe bestand aus acht KAS-Stipendiaten, einer Tourismus-, einer Maschinenbaustudentin und einer Auszubildenden. Zustande gekommen war der Trek durch meine Schwester und mich, schon lange wollten wir ihn gemeinsam machen. Nie hatten wir gleichzeitig Zeit - deshalb beschlossen wir, uns in diesem Frühjahr einen Monat zum Reisen freizuhalten. Da kaum jemand aus unserem Freundeskreis Lust, Zeit, die körperliche Fitness oder das Geld hatte, postete ich unser Vorhaben in die Facebookgruppe der KAS-Stipendiaten. Es meldeten sich deutlich mehr als erwartet, bald waren wir eine Gruppe von elf Personen, davon acht aus der KAS, sogar drei Ärzte hatten wir dabei. 

(von links nach rechts) Auch ein Drachenkostüm schaffte den Weg bis in die Himalayaregion - Endlich angekommen: Am Everest Base Camp (Foto: Jan Rosenboom) - Unser Trek führte auch über die berühmte Hillary Bridge: Diese ist nach dem ersten Menschen beanannt, der zusammen mit einem nepalesischen Bergsteiger den Gipfel des Everest erreichte. (Fotos; Julia Ruhs, bis auf zweites) 

Für den Trek reicht es, gesund und fit zu sein

 

Meine Schwester Kristin kennt sich in Nepal hervorragend aus, da sie nach dem Abitur lange Zeit dort verbrachte und unter anderem Praktika im Tourismus gemacht hatte. Auch den Everest Base Camp Trek hatte sie schon gemeistert. Durch sie bekam unsere Gruppe die Tour deutlich günstiger. Normalerweise muss man über 1000 Euro einplanen, wir zahlten circa die Hälfte. Für den Trek reicht es, gesund zu sein und eine gute Kondition zu haben. Man muss kein Extremsportler sein, auch als Normalo schafft man es hoch, vorausgesetzt man bleibt von der Höhenkrankheit verschont. Denn die kann jeden erwischen, ob alt oder jung, Mann oder Frau, trainiert oder untrainiert. 

 

Bevor der Trek losging, liehen wir uns warme Schlafsäcke aus, kauften Trekkingstöcke und Taschen in Thamel, dem touristischen Viertel von Kathmandu. Die restliche Ausstattung besaßen wir meist schon aus vergangenen Ski- oder Wanderurlauben. 

 

Nun standen wir am Beginn unserer Reise, auf 2850 Meter, in Anorak, Trekkinghose und Wanderschuhen. Es war deutlich wärmer als erwartet. Unser Guide Wakil holte uns vom Flughafen ab, von nun an begleitete er uns samt einem Assistant Guide, vier Yaks und einem Yakführer. Unsere Taschen mit den Schlafsäcken wurden vor dem Loslaufen auf die Yaks geschnürt, sodass wir selbst nur noch einen kleinen Tagesrucksack schleppen mussten.

Der Weg verlief vorbei an tibetischen Manisteinen, die mit Gebeten beschriftet wurden. - Während wir auf der Höhe nur mit einem kleinen Rucksack unterwegs waren, tragen die nepalesischen Porter Lasten von bis zu 100 Kilo. - Die Höhe hielt uns nicht davon ab, unsere akrobatische Ader auszuleben. (Fotos: Julia Ruhs)

Der Trek ging vorbei an Klöstern, Manisteinen und buddhistischen Stupas.

 

Wir wanderten zunächst etwa vier Stunden zum Dorf Phakding, was 200 Meter tiefer liegt als der Flughafen in Lukla. Auf etwa 2600 Meter Höhe, in einer der vielen Lodges, verbrachten wir die erste Nacht. Morgens um kurz vor acht ging unsere Tour weiter. Die Wege waren staubig und steinig, oft begegneten uns nepalesische Porter, die Lasten bis hundert Kilo auf ihrem Rücken transportierten. Auch Yaks und Pferde kreuzten unsere Wege. Wir passierten buddhistische Stupas, Klöster und tibetische Manisteine, die mit Gebetsformeln verziert waren. Wir begegneten außerdem einem Engländer, der sich in den Kopf gesetzt hatte, für einen guten Zweck dribbelnd zum Base

Camp zu laufen. Und wir trafen einen hartgesottenen 72- Jährigen, der die Strapazen des Treks ebenfalls noch auf sich nahm. 

 

Etappenweise ging es von Phakding weiter Richtung Base Camp. Täglich legten wir mehrere hundert Höhenmeter zurück, der Weg verlief mal eben, mal ging es steil bergauf, mal wieder abwärts. Jeden Tag nach dem Trekking machten wir einen Akklimatisationsspaziergang. Dafür wanderten wir noch einmal etwa zweihundert Meter hoch und wieder runter. Go high – sleep low – diese Regel wollten wir berücksichtigen, damit möglichst niemand höhenkrank wird. Denn steigt man zu schnell auf, kann das zu starken Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwächegefühl und Appetitlosigkeit führen. Im schlimmsten Fall kann es durch die Höhe zu Lungen- und Hirnödemen kommen, die tödlich enden. 

 

In der Ortschaft Namche Bazar auf etwa 3500 Meter blieben wir einen Tag zur Akklimatisation, damit sich unser Körper bestmöglich auf die Höhe anpassen kann. Abends in der Lodge spielten wir Karten, von Skat über Canasta bis hin zu nepalesischen Kartenspielen. Auch Gesellschaftsspiele wie Activity Extreme, Kniffel, Werwolf und Mafia wurden ausgepackt. Immer unter den neugierigen Blicken der Nepalesen, die sich zu manchem Spiel schließlich dazugesellten.

Die Teilnehmerinnen des Treks - Unser Guide Wakil, zusammen mit Kristin vor dem Berg Ama Dablam, der 6800 Meter hoch ist (Fotos: Julia Ruhs)

Nachts wurde es so kalt, dass unsere Wasserflaschen gefroren

 

Es wurde immer kälter. Ab Dingboche, 4400 Meter, sanken die Temperaturen bis zum Gefrierpunkt. Gefühlt war es oft noch viel eisiger. Unsere Wasserflaschen nahmen wir nachts vorsichtshalber mit in den Schlafsack. Ebenso unsere Kameraakkus, damit die sich nicht entladen. Spätestens ab hier machte sich die warme Kleidung und die dicken Schlafsäcke bezahlt. Fließendes Wasser gab es längst nicht mehr, ein großer, halb gefrorener Wassereimer musste reichen. Nach unserem zweiten Akklimatisationstag auf dieser Höhe schneite es schließlich über Nacht. 

 

Auch die Höhe machte sich immer mehr bemerkbar. Wir kamen schneller ins Schnaufen, nahmen mit jedem Atemzug weniger Sauerstoff auf. Überall in den Lodges wurde dem Essen üppig Knoblauch beigemischt, was die Höhensymptome angeblich bekämpfen soll. Wir hörten Horrorgeschichten von Leuten, die auf ähnlicher Höhe gestorben waren, weil sie die

Kopfschmerzen ignoriert und nicht rechtzeitig abgestiegen sind. Einzelfälle, die schockieren. 

 

Die Höhenkrankheit verschonte auch uns nicht

 

Die Höhe ging auch an uns nicht spurlos vorbei. Auf 4400 Meter mussten zwei unserer Gruppe absteigen, da Kopfschmerzen und Übelkeit nicht weichen wollten. In Lobuche, eine Station weiter oben auf 4900 Meter, traten zwei weitere den Rückweg an. Eine Gruppe von sieben Leuten erreichte schließlich nach acht Tagen das Everest Base Camp auf 5300 Meter. Da es noch Vorsaison war, waren nur wenige Expeditionen mit ihren Zelten zugegen. Eigentlich sollte der Trek von hier aus noch weiter zum Kala Patthar gehen, einem etwa 5500 Meter hohen „Hügel“, von dem man einen tollen Blick auf den Mount Everest hat. Da sich auch einige aus der verbliebenen Gruppe nicht mehr fit fühlten, ließen wir diese Station jedoch aus. Der Anstieg dort hoch wäre noch einmal sehr beschwerlich geworden und setzt voraus, dass man eine Nacht noch höher, auf 5200 Meter

verbringt. 

 

Weiter unten, auf 3900 Meter vereinte sich die Gruppe wieder, um gemeinsam abzusteigen. Ein Teil machte sich davor noch auf zum Ama Dablam Base Camp, dem Basislager des 6800 Meter hohen Berges, der während des Treks häufig zu bewundern war. Er ist zwar längst nicht so hoch, aber deutlich schöner als der Everest. 

 

Der Ausblick auf das Himalayagebirge entlohnte für alle Strapazen

 

Egal ob Everest Base Camp oder nicht: Der Trek lohnte sich. Der Ausblick während der Wanderung war einfach fantastisch. Jeden Tag blickten wir auf stahlblauen Himmel

und auf weiße, majestätische Berge, die die Dörfer unter uns wie Spielzeuge erscheinen ließen. Das war der Grund, weshalb wir all diese Strapazen auf uns nahmen: Das Panorama und die Gewissheit, dass wir so nah am Dach der Welt waren, wie nie zuvor. 


Teilnehmer des Treks, davon KAS: Julia Ruhs, Han Ross, Friederike Dierkes, Jan Rosenboom, Tom Schröder, Christopher Göthel, Yonne-Luca Hack, Niklas Beckonert


Autorin: Julia Ruhs hat zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Kristin Ruhs den Everest Base Camp Trek organisiert.