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Europa - Delft, Mülheim, Cardiff.

Unterwegs auf der blauen Banane

So nah und doch so fern – so kommen mir die verschiedenen Regionen Europas stets vor. An drei ganz verschiedenen Orten Europas konnte ich im Rahmen meines Studiums Praktika machen: an der Technischen Universität Delft, am Max-Planck-Institut (MPI) für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr und an der Cardiff University.

 

Eigentlich studiere ich Chemie im Master an der renommierten Universität Heidelberg. Aber sich mit den bereits beschrittenen, klassischen Wegen der organischen Chemie und Ideen zu begnügen, scheint mir nicht das Richtige zu sein. Ich bin neugierig. Ich möchte andere Universitäten, verschiedene Arbeitsweisen, neue Menschen kennenlernen – nicht das Weltbild imitieren, welches von meinem Heidelberger Umfeld vermittelt wird.

 

Meine Vertiefung wollte ich in der bioorganischen Chemie machen – dabei werden Moleküle mittels Enzymen synthetisiert.

 

Beim zweiten Praktikum am MPI konnte ich nicht nur über meinen Urgroßvater einen familiären Bezug zu dem Ort Mülheim an der Ruhr herstellen, sondern auch eines der weltweit renommiertesten Forschungsinstitute für Organische Chemie besuchen. Das letzte Forschungspraktikum plante ich auf Großbritannien, einem bedeutenden Teil Europas, der mir bisher stets fremd blieb.

 

Delft

 

Enzyme sind die Maschinen unseres Körpers. Sie sind für unseren Stoffwechsel verantwortlich und versorgen uns Tag für Tag, Stunde um Stunde, mit allen zum Leben notwendigen Stoffen. In der klassischen Chemie werden die meisten Enzyme binnen Sekunden ausgeschaltet, weil entweder Temperatur, Lösungsmittel oder giftige Metalle ihr Funktionieren verhindern. Enzyme können Transformationen durchführen, die Chemiker mit ihren beschränkten Mitteln häufig nicht umzusetzen im Stande sind. Enzyme bestehen meist aus Tausenden von Atomen. Wenn mehrere Moleküle dort zur Reaktion gebracht werden, so kann auf Grund der Größe und Spezifizität des Enzyms auf selektive Weise eine chemische Reaktion ermöglicht werden. Systeme der klassischen Chemie sind meist deutlich einfacher – entsprechend auch gegenüber äußeren Umständen unempfindlicher. Enzyme lassen sich in der Form verändern, sodass sie, entgegen ihrer in der Natur vorkommenden Konstitution, gegenüber Lösungsmitteln oder Temperatur unempfindlich werden.

 

In diesem Bereich ist noch vieles unerforscht. Ich forschte an einer Reaktion, bei welcher ein neues Molekül durch ein Enzym verwandelt wurde. Nach vielen Stunden Arbeit konnten wir die Reaktion nachweisen. Somit gelang es uns, das Enzym für eine in der Natur nicht existente Reaktion zu nutzen. Faszinierend, wie ich finde.

 

Bei meiner Anreise war mir die Diskrepanz zwischen den Niederlanden und Deutschland nur begrenzt klar. Ich dachte die beiden Kulturen seien in bestimmten Aspekten irgendwie verschieden, doch nicht grundsätzlich verschieden.

 

Zu Besuch bei der OPCW in Den Haag mit den Heidelberger Stipendiatengruppen 02 und 03.
Zu Besuch bei der OPCW in Den Haag mit den Heidelberger Stipendiatengruppen 02 und 03.

Unmittelbar vor dem Beginn hatte ich nebst meinem Heidelberger Mitsprecher Daniel Spitz eine politische Fahrt nach Den Haag organisiert, wo wir mit einer Gruppe von 14 Stipendiaten für drei Tage in das politische und gesellschaftliche System der Niederlanden eintauchten: Flache Hierarchien, ein äußerst direkter Umgang, eine kulturelle Nähe zu Deutschland, die auf Grund der sensiblen Kriegsvergangenheit keinesfalls als Gleichheit verstanden werden darf, eine fahrradliebende und weltoffene Bevölkerung. All das sind Eindrücke, die mir bis heute bleiben. Als politisch-interessierter KAS-Stipendiat war für mich folgender Tatbestand erschreckend: Das überkommene Parteiensystem war in den Niederlanden zu Bruch gegangen. Stattdessen sind aus den großen Parteien eine Vielzahl von kleinen Parteien hervorgegangen, die immer wieder zueinander finden müssen, sodass es häufig zu recht labilen Konstellationen kommt. Es herrscht der Pragmatismus. Es ist die Flexibilität, die über allem steht.

 

Die alten Christdemokraten kamen uns verloren und von den anderen Parteien abgehängt vor. Sie konnten uns gar nicht mehr erklären, warum gerade der Bezug zum Christentum von Relevanz sei. Ich persönlich fand das beängstigend, da eine gesunde Demokratie aus meiner Sicht nur dann auch vital bleibt, wenn die Menschen sich in Parteien engagieren, wo auch klar wird, wofür sie stehen und warum es sie gibt.

 

Die weitere Zeit in Delft war eine gesellige Zeit. Regelmäßig gingen wir als Arbeitsgruppe abends aus. Dennoch stelle ich fest: Das Thema Politik hat vor Ort in den Niederlanden, nach meiner Auffassung und in meinem dortigen Umfeld nur wenige Menschen interessiert. Es herrscht die Einstellung vor, dass schließlich alles laufe und man selbst genug mit der eigenen Arbeit zu tun habe. Außerdem bedeute politisches Engagement oder Stellungnahme auch immer Einengung. Jede Position, die bezogen wird, sei auch immer eine Entscheidung gegen etwas. Doch das hält der Einzelne scheinbar nicht aus, nachher hätte er etwas noch Besseres haben können.

 

Mülheim an der Ruhr

Die renaturierten Ruhrauen im Stadtzentrum von Mülheim an der Ruhr.
Die renaturierten Ruhrauen im Stadtzentrum von Mülheim an der Ruhr.

 

 

Mülheim an der Ruhr ist nicht wie Rotterdam, wo ich in meiner Zeit in Delft gewohnt habe, und auch nicht wie Delft, wo sich die TU befindet. Es ist Mülheim. Mülheim an der Ruhr. Man spricht dort zwar kein Mölmsch mehr, der dortige Lokaldialekt, aber Mölm ist im Herzen des Ruhrpotts und färbt dementsprechend auf Mühlheim ab. Dementsprechend war meine Zeit in Mühlheim eine ausgesprochen neue kulturelle Erfahrung für mich. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Ruhrgebiet ist Mülheim ausgesprochen schön, sodass ein Halbmarathon in der Abendsonne nach Essen-Kettwig und wieder zurück, wirklich empfehlenswert ist.

 

In der Zeit, als ich dort war, dachte ich immer wieder, dass diese Stadt voller Gegensätze sei. Einerseits gibt es das internationale Mülheim, besonders geprägt durch das MPI als internationales, hoch-renommiertes Forschungsinstitut, wo beinahe die gesamte Kommunikation aufgrund der Internationalität auf Englisch stattfindet – in meiner Arbeitsgruppe sprach ich dort mehr Englisch als in den Niederlanden. Andererseits das zutiefst lokale Mühlheim. Mehrmals wöchentlich traf ich echte Mölmer im über 100 Jahre alten Schwimmverein, die in dieser Stadt lebten, Mühlheim wohl ebenso sehr prägten, wie das MPI, und wo doch eine Art Parallelwelt zum MPI bestand. Aufgrund der Größe des MPIs war es schon lange nicht mehr möglich, die Forscher aus aller Welt durch die Mölmer zu integrieren.

 

Das Durchschnittsalter der Mölmer ist ungewöhnlich hoch: nahe der Rente, was mich bei der Vielzahl an Altersheimen, die ich täglich sehen konnte, nicht erstaunte. Das Narrativ der toten Stadt trifft man dort immer wieder – schade, wie ich meine. Alle Städte um Mülheim scheinen lebendiger zu sein. Der Großteil meiner MPI-Kollegen wohnten in Duisburg, Essen oder Düsseldorf – kaum einer in Mülheim.

 

Die Forschung am MPI war ausgesprochen spannend. Es ging um klassische Synthese und ich widmete mich der Frage, wie zu einem Molekül in Würfelform, dem sogenannten Cuban, eine spezifische Bindung mit einem Radiomarker hergestellt werden konnte. Es war schwierig, doch nach zwei Monaten Arbeit konnten wir auch tatsächlich diese neue Verbindung synthetisieren, was wirklich aufregend war. Wir stellten eine vollkommen neue Geometrie einer chemischen Bindung her und konnten so eine ganze Klasse von potentiellen Radiomarkern zugänglich machen. Das Potential, welches wir hier zu Recht vermuteten, war schlicht fantastisch.

 

Mein Chef, Matthew Tredwell, war für mich der erste Brite, mit dem ich zu tun hatte und sollte mich, ohne es geplant zu haben, mit nach Cardiff begleiten. Dorthin konnte er das neue Cuban mitnehmen und wird dieses in Zukunft hoffentlich an echten Patienten testen können. Da wir beide neben unserem Arbeitsverhältnis auch im Privaten zu Laufpartnern geworden waren, konnte ich dann in Cardiff auch direkt den Fortgang unseres Projektes mitverfolgen.

 

Cardiff

 

Die Cardiff School of Chemistry – mein Arbeitsplatz.
Die Cardiff School of Chemistry – mein Arbeitsplatz.

Cardiffs Glanz, den man noch an den Universitätsgebäuden sehen kann, stammt aus einer anderen Zeit. Die Gegenwart zeugt nur von Wales‘ finanzieller Abhängigkeit von externen Geldgebern, obschon unter Walisern eine ähnlich starke regionale Identität herrscht wie bei den Schotten.

Im nationalen Vergleich ist das Durchschnittseinkommen in Wales um 30 % geringer.

Die Waliser könnten sich diesen Glanz heutzutage mit einem, im nationalen Vergleich, um 30 % geringeren Durchschnittseinkommen, im Gegensatz zu Schottland, jedoch schlicht nicht leisten – so hat es in Wales weder ein Referendum gegeben, noch ist eines in Planung. Besonders traurig ist das Narrativ der finanziellen Abhängigkeit zu England, doch bei einem genaueren Blick hilft finanziell nur die EU – nicht England.

 

In Cardiff schloss ich mich einer Arbeitsgruppe an, die mit einer frustrierten Lewis-Säure neue Reaktionen durchführte – spezifische Moleküle mit bestimmten Reaktivitäten, sodass bisher unbekannte synthetische Wege mit diesen entdeckt werden können und man nicht klassische, teure Edelmetalle für dieselben Synthesen nutzen muss.

 

Schnell merkte ich in diesem Arbeitskreis ein Fehlen von Neugierde zur Entdeckung. Es war ein enormer Gegensatz zu meiner Erfahrung am MPI, wo Matthew und seine Arbeitsgruppe stets der Wille, etwas Sinnvolles für die Menschheit zu entdecken, vorantrieb. In Cardiff erlebte ich nur die Sucht, eine Publikation nach der anderen veröffentlichen zu wollen. Mir war sicherlich bewusst, dass in manchen Arbeitsgruppen, genau das die treibende Kraft ist. Es aber in dieser Gegensätzlichkeit zu erfahren und zu sehen, wie ganze Projekte nur nach der Anzahl an Publikationen ausgerichtet werden, kam mir persönlich falsch vor. Aus meiner Sicht kommt erst die Entdeckung und dann die Publikation. Hier aber wurde die Forschung als notwendiges Übel betrachtet. Es mag zwar sein, dass an zahlreichen Orten auf dieser Erde immer nur mit der Publikation gelockt wird und verschiedenste Akteure behaupten, dass man doch gar nicht anders könne. Ich aber stelle fest, dass es an Orten, wie Mülheim oder Delft exzellente Forschungsgruppen gibt, die immer von der Forschung kommend zur Publikation gingen. Es geht also auch anders, und es kann kein Argument sein, dass man gar nicht anders könne. Außerdem habe ich weiterhin den Grundsatz, sich zu jeder Zeit im Leben für oder gegen Dinge entscheiden zu können – dies gilt ebenso für die Wissenschaft oder explizit für die Chemieforschung.

 

Neben den Forschungsaspekten konnte ich mit netten Kollegen zusammenarbeiten. Gelegentlich suchte man die für Großbritannien typischen Kneipen auf und hatte nette Gespräche. In meinen zwei Monaten, die ich dort war, kam der Brexit immer wieder auf neue Höhepunkte – doch statt über tatsächlich für dieses Land relevante Punkte zu reden, wurde die Diskussion vermieden. In meinem Umfeld, floh man lieber vor diesem Thema, rechtfertigte sich mit den Worten „I didn’t want it!“ und hoffte inständig darauf, dass dieser neue Deutsche in der Arbeitsgruppe, doch bitte nicht weiterdiskutieren möge. Ich beließ es dann auch dabei, beobachtete weiterhin nur. Vermeidung von Verantwortung, wie ich sie schon in den Niederlanden erlebt hatte, konnte ich hier noch stärker beobachten. Erschreckend – insbesondere da in beiden Königreichen Einiges im Argen liegt und die politischen Zeiten höchst turbulent sind.

 

Was bleibt?

Europa – Holland, Ruhrpott, Wales. Sie alle sind Teil davon. Was hält sie zusammen oder warum sollten sie zusammen gehören?

 

Meine Eindrücke zeigen mir besonders eines: Europa ist wie eine Beziehung. Jede Person, jede Region Europas muss in ihrer Individualität verstanden werden. Es wäre falsch, wenn Europa Regionen, wie eine gierige Raupe verschlänge. Wie in einer Beziehung ist es wichtig, die gemeinsame, europäische Identität zu fördern, und doch jeder einzelnen Region ihre eigene Identität, ihren eigenen Freiraum zu lassen. Um gemeinsam aus den unterschiedlichen Ecken, wie z.B. Delft, Mülheim und Cardiff ein zukunftsfähiges Europa gestalten zu können, kann es nur funktionieren, wenn sich sowohl die politische EU, als auch jeder individuelle Bürger so verhält, als würde er in einer Beziehung mit Europa leben.

 

 Rechts, Dominique und links mein Opa Rolf. Seit über 50 Jahren verbringen sie jeden Sommer ein paar gemeinsame Tage. Wie immer im Leben – es gibt stets etwas zu tun und nur gemeinsam kommt man ans Ziel.
Rechts, Dominique und links mein Opa Rolf. Seit über 50 Jahren verbringen sie jeden Sommer ein paar gemeinsame Tage. Wie immer im Leben – es gibt stets etwas zu tun und nur gemeinsam kommt man ans Ziel.

Vor vielen Jahren wurde die deutsch-französische Freundschaft zwischen Adenauer und de Gaulle zelebriert. Es gab unter anderem eine Jugendkonferenz in Bad Kreuznach, die auch mein Großvater besuchte, wo er den späteren Patenonkel meines Vaters als Freund gewann. Diese Freundschaft lebt weiter und die beiden in die Jahre gekommenen Männer besuchen sich noch heute jährlich – sie schätzen es und machen es gerne. Das ist die Mikroebene, die Politik auf der kleinen Ebene. Diese Ebene ist stets essentiell, wenn große, nationale, oder gar transnationale Projekte funktionieren sollen. Wenn es bei den Briten vollkommen normal ist, dass man noch nie mit Festlandeuropäern verkehrt hat, noch sich bewusst ist, dass die Entwicklungshilfe für das arme Wales zu über 90 % durch die EU finanziert wird, so wird es schwerfallen, Menschen für das europäische Projekt zu gewinnen.

 


Autor: Tobias Tigges ist ehemaliger Stipendiatensprecher aus Heidelberg.

Fotos: Tobias Tigges.