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Erfahrungsbericht Auslandssemester in Bukarest, Rumänien, von Februar bis Juli 2022

Ich habe für ein Semester in Bukarest, Rumänien, an der University of Bucharest Politikwissenschaften im Master studiert. Ich habe bereits in Deutschland nach einem Zimmer in Bukarest gesucht. Im Kontrast zum deutschen Wohnungsmarkt sind die Mieten in Rumänien recht billig und man findet schnell ein bezahlbares Zimmer. Für die Zimmersuche empfehle ich vor allem Facebook-Gruppen (sowohl die englischsprachigen für Internationals, für Erasmus-Studierende o.Ä., als auch rumänischsprachige Gruppen). Suche vor Ort funktioniert aber auch. Ich hatte keinen offiziellen Mietvertrag, viele meiner Freund:innen auch nicht. Natürlich ist eine zentrumsnahe Wohnung toll, aber Bukarest hat eine zuverlässige und preisgünstige Metro - also ist man auch recht schnell im Zentrum. Wohnheime gibt es auch, aber die sind nicht zentrumsnah und haben eine alte Bausubstanz. Insgesamt sollte man stark auf die Bausubstanz achten, da Bukarest in einem Erdbebengebiet liegt.

 

Ich konnte bei der Ankunft so gut wie kein Rumänisch und würde empfehlen, zumindest ein bisschen Rumänisch im Voraus zu lernen. Viele junge Menschen sprechen Englisch und die Uni-Kurse können auch vollständig auf Englisch (oder Französisch) absolviert werden, aber für alltägliche Dinge wie Einkaufen im Supermarkt helfen Rumänisch-Kenntnisse. Die Universiy of Bucharest hat die ausländischen Studierenden erst sehr kurzfristig über Studienstart, Kursprogramm und Erasmus-Aktivitäten informiert. Zu Beginn und während des Semesters hat die Universität kulturelle Einführungsveranstaltungen über Land und Leute angeboten und die rumänische Erasmus-Gruppe (ESN) hat während des kompletten Semesters Partys, aber auch Kurzreisen oder Museumsbesuche organisiert.

 

Meiner Meinung nach ist Bukarest als Stadt keine Schönheit auf den ersten Blick. Allerdings gibt es viele Parks in der Stadt, unzählige Bars, Cafés und vor allem Clubs. Das Nachtleben in Bukarest ist sehr aktiv (vermeidet in Old Town feiern zu gehen, da sind wirklich nur Touris und internationale Studierende). Kurzum: Auch wenn man in Bukarest nach den wirklich coolen Plätzen erst ein bisschen suchen muss, gibt es immer etwas zu tun. Gerade im Sommer lebt die Stadt - mit Straßenfesten und Flohmärkten in der Innenstadt. Besonders gefallen haben mir Konzertbesuche im Ateneul Romana oder der Cismigiu-Park. Es lohnt sich außerdem, Rumänien zu bereisen. Die Züge sind zwar recht langsam, die Tickets dafür sehr günstig. Lohnenswert sind vor allem die Karpaten und die Städte Cluj-Napoca und Sibiu im Norden des Landes. Nachhaltigkeit ist in Rumänien leider bis jetzt kein großes Thema - weder in der Ernährung (fleischlastig) noch der Mülltrennung oder Mobilität. Uber ist für viele Rumän:innen das Verkehrsmittel der Wahl für Kurzstrecken.

 

An der University of Bucharest konnte ich aus dem gesamten Kursprogramm der Universität Kurse wählen - schlussendlich belegte ich vor allem Kurse aus den zwei Masterprogrammen Comparative Politics und International Relations. Zudem habe ich einen Rumänischkurs besucht, der zwar viel Arbeit und nicht besonders kreativ organisiert war, den ich aber trotzdem empfehlen würde. Alle Dozierenden, die ich kennengelernt habe, waren offen, nett und hilfsbereit. Allerdings muss ich sagen, dass die Kurse inhaltlich nicht gut organisiert waren, sogar teilweise regelmäßig ausgefallen sind und zum Teil sehr stark vom Thema abgeschweift sind. Alles in allem war mein Eindruck, dass die Unterrichtsqualität deutlich niedriger als an deutschen Universitäten ist. Dieser Eindruck kann eventuell aber auch der pandemiebedingten Online-Lehre via Zoom geschuldet sein. Der Arbeitsaufwand für gute Noten ist niedrig. Auch wenn ich das rumänische Bildungssystem nun etwas kennenlernen und ich durch meine absolvierten Kurse ein wissenschaftliches Grundverständnis über die politische Lage Osteuropas erwerben konnte, waren die Kurse für mich eher enttäuschend. Die Anrechnung der Kurse funktionierte dafür einwandfrei. Ich habe die dafür benötigten Dokumente seitens der University of Bucharest per E-Mail zugeschickt bekommen. Meine deutsche Universität (Leuphana Universität, Lüneburg) hat die rumänische Benotung eins zu eins in das deutsche Notensystem überführt.

 

Auch wenn der Start in Rumänien aufgrund der für mich unbekannten Sprache und Kultur nicht einfach war, habe ich mich recht schnell eingelebt und angefangen, Bukarest richtig zu mögen. Ich würde nicht nach Rumänien gehen, wenn man erstklassige Lehre an der Universität erleben will. Ich würde Rumänien als Erasmus-Ziel auswählen, wenn man einfach mal etwas Anderes erleben will und ein Land in Osteuropa kennenlernen und verstehen möchte, das in Deutschland vor allem mit negativen Stereotypen behaftet ist. Wie immer: Rumänien ist natürlich viel mehr als all die negativen Klischees. Es ist ein diverses Land mit spannender Geschichte, toller Natur und häufig aufgeschlossenen Menschen, das sehr sehenswert ist.

 


Autorin: Lisa Göllert