Auf Adenauers Spuren: Zwischen Identitätssuche und Boccia-Spiel

Erste Cadenabbia Conference - Globales Zusammenleben: Migration und Heimat

 

Aus- und Einwanderung beschäftigt uns seit Menschengedenken. Kriege und die zunehmende Globalisierung verursachen zusätzlich weltweit steigende Migrationsbewegungen. Parallel stellt sich uns verstärkt die Frage nach Identität, Integration und Heimat. Während der ersten Cadenabbia Conference im April in der Via „La Collina“ haben Stipendiatinnen und Stipendiaten aus unterschiedlichen Herkunftsländern oder mit langjähriger Auslandserfahrung über ein besseres globales Zusammenleben nachgedacht.

Gefördert wurde dieses neue Format durch den Generationenfonds der Altstipendiaten. An dieser Stelle daher ein herzliches Dankeschön für die Realisation dieses neuen Formates!


 

Reflektionen: Wer bin ich eigentlich?

Migration und Heimat – Zwei Begriffe, die heute in der medialen Berichterstattung häufig ausschließlich in Verbindung mit der Diskussion um Ankunft, Verteilung und Integration von Flüchtlingen verwendet werden.

Dabei sind auch wir Studenten häufig mit dem Phänomen von Migration und der Frage nach unserer Heimat konfrontiert. Das klassische Beispiel ist natürlich ein ERASMUS- oder sonstiger Studienaufenthalt im Ausland. Früher oder später setzen wir uns in der Fremde auch mit unseren Wurzeln auseinander und fragen uns: „Wer bin ich eigentlich?“

Die einwöchige Konferenz in Cadenabbia hat uns Raum und Zeit gegeben, genau diese Frage in all ihren Facetten zu beleuchten und sie in einen globalen Kontext einzuordnen: Den des globalen Zusammenlebens. Zusammen mit hochrangigen Referenten haben wir diskutiert, reflektiert und versucht, einen neuen Blick auf das Thema zu bekommen. Dabei haben nicht nur wir als Teilnehmer spannende Ansätze für uns entdeckt, sondern auch unsere Referenten. Dank des neuen Formats der Konferenz war dafür auch in unterschiedlichen Seminareinheiten genügend Raum.

 

Europäische Migrations- und Flüchtlingspolitik. Stand und aktuelle Herausforderungen

Matthias Oel hat uns direkt zu Beginn einen Überblick über die europapolitischen Herausforderungen der aktuellen Migrations- und Flüchtlingspolitik gegeben. Sein Überblick beinhaltete sieben Punkte, zu denen er aus europapolitischer Sicht Stellung bezogen hat, unter anderem die notwendige konsequente Sicherung der Außengrenzen, die vollständige Wiederherstellung der Freizügigkeit im Schengenraum und die faire Verteilung der Flüchtlinge sowie die konsequente Rückführung abgelehnter Asylbewerber. Langfristig beinhalten die Punkte außerdem eine bessere Steuerung der Migration, eine nachhaltige Migrationspolitik und die Bekämpfung der Fluchtursachen. Verständliche Punkte, die dennoch den Diskurs auch bis in die Abendstunden bestimmt haben.

Matthais Oel verabschiedete sich von uns mit den weisen Worten: „Politik ist die Kunst des Machbaren“. Er wurde mit diesem Satz in der ganzen Seminarwoche noch oft zitiert.

Matthias Oel, Direktor Migration, Mobilität und Innovation, Europäische Kommission, Generaldirektion Migration und Inneres, Brüssel, vergleicht die Europäische Union und deren Beschlüsse gerne mit einem „Segelflugzeug“, das solange fliegt, bis ein Gewitter kommt und es dann gewissermaßen zum Absturz bringt. So ist es auch mit dem „Dublin III“-Abkommen, das erst nach dem großen Flüchtlingsansturm 2015 laufend repariert wurde.


 

Migration, Asyl und Integration aus deutscher und nordrhein-westfälischer Sicht

Serap Güler spricht dabei auch aus eigener Erfahrung. Ihr Vater gehört zur ersten Gastarbeitergeneration, spricht schlecht Deutsch, ist aber demütig und dankbar gegenüber Deutschland. Die Staatssekretärin berichtet auch von ihrer eigenen Zerrissenheit zwischen verschiedenen Identitäten, ihrer deutschen und ihrer türkischen. Erst, als sie vor knapp 10 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat, hat sie sich wirklich dazugehörig gefühlt.

Was ist denn typisch deutsch? „Nicht mehr die Pünktlichkeit, wie man an der DB erkennen kann… sondern vielmehr das Ehrenamt. Wenn sieben Deutsche zusammensitzen, wollen sie sofort einen Verein gründen. Das ist typisch.“

Dank Serap Güler haben wir am Beispiel des Landes NRW die innenpolitische Flüchtlings- und Migrationspolitik unter die Lupe genommen. Dabei haben wir zum Beispiel darüber diskutiert, welchen Stellenwert Sprachkurse für Asylbewerber haben und vor welchen Schwierigkeiten einige Bürgermeister NRWs in ihren Städten stehen.

Die Seminareinheit mit der Staatsministerin endete mit einem Kaminabend, bei dem es auch heimatelte … spätestens bei den Anekdoten über die Offenheit der Kölner oder die Westfalen, die zum Lachen in den Keller gehen.

Einen Überblick des Seminars mit Stimmen von Referenten und Teilnehmern seht ihr auch im folgenden Video:

https://www.youtube.com/watch?v=ePkd31QY5CM

Serap Güler, Staatssekretärin Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKFII), Düsseldorf, macht auf den wichtigen Aspekt aufmerksam, dass Integration nicht nur Flüchtlinge betrifft, auch, wenn sich die Diskussionen seit 2015 darauf fokussieren. Die Integration in Deutschland, und speziell in NRW, ist besser als ihr Ruf!

 


 

Identität, Integration, Heimat – mit besonderer Berücksichtigung der italienischen Perspektive

Nach einem Parforceritt mit Christiane Liermann Traniello durch die italienische Geschichte seit der Vereinigung 1861 (Italien ist wie Deutschland eine „späte Nation“), sind wir schließlich beim Phänomen der italienischen Gastarbeiter als einem Beispiel für typische Migrationsbiographien angekommen.

In einer Gruppenarbeit haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie Heimat und Heimweh eigentlich in Filme transportiert werden. Was sind die Erzählmuster, und sind sie vielleicht universal? Welche Topoi kehren immer wieder? Inwiefern lässt sich das auf unsere heutige Situation übertragen? 

Die Gruppenarbeiten förderte auch die Kreativität in uns, deshalb wollen wir auch nicht den selbst produzierten Heimatfilms „Die Enkelin Adenauers“ an dieser Stelle vorenthalten: https://youtu.be/vxn0ENWewEw

Dr. Christiane Liermann Traniello (AS), Generalsekretärin des Deutsch-Italienischen Zentrum für Europäische Exzellenz Villa Vigoni, Centro Italo-Tedesco per l’eccellenza europea, Loveno di Menaggio, erklärt uns, dass es im Italienischen nur schwer einen Begriff für „Heimat“ gäbe. Am ehesten spricht man in Italien von „a casa“ – zuhause, oder den „cento Italie“, das sind dann kleine Heimaten. Italien zeichne sich besonders dadurch aus, dass verschiedene „Gründungsmythen“ als Identitätsangebot herhalten, z. B. der Mythos des christlichen Roms der dem des antiken Roms gegenüberstehe.


 

Konrad Adenauer und Cadenabbia

Für jeden Adenauer-Stipendiaten ist „Cadenabbia“ ein Mythos. Konrad Adenauer kam 1957 zum ersten Mal in den kleinen Ort am Comer See. Zwei weitere Sommer dauerte es, bis er die Villa „La Collina“ mietete und von nun an zweimal im Jahr für 6-8 Wochen die Bundesrepublik aus Italien regierte. Jeden Tag gab es eine Presseerklärung, um zu signalisieren, dass der Bundeskanzler zwar nicht im Land, aber doch präsent war.

Konrad Adenauer hat die Ruhe und Abgeschiedenheit des Anwesens geschätzt, wie uns Geschäftsführer Heiner Enterich erzählte. Er plauderte auch aus dem Nähkästchen und packte eine der herzigen Adenauer-Anekdoten aus: wie nämlich der Friseur des Ortes in die illustre Boccia-Runde (bestehend aus Dorfpfarrer, Polizisten und Bürgermeister) aufgenommen wurde, weil er auf Adenauers Hartnäckigkeit hin in der Sonntagsmesse Lieder gesungen hat und sich damit die Gunst der Mitbürger und des Deutschen Kanzlers, selbstverständlich Mitglied der Boccia-Gruppe, erworben hatte.

Nach einer Woche am See können wir mit Bestimmtheit sagen: Die Zypressen, die Ölbäume, die Schatten, die Berghänge, die Wolken und die Ruhe des Sees inspirieren wirklich. Und: Auch das Boccia-Spiel haben wir ausprobiert. …

 

Europa und UK – Wie weiter mit dem/ nach dem Brexit?

Der Brexit in Bildern: mit Prof. Dr. Burkhard Steppacher haben wir eine Reise unternommen, die uns durch Karikaturen der Zeit der ersten Bundesrepublik bis zum Brexit-Referendum und schließlich bis zum März 2019 geführt hat. Immer ging es dabei um die Rolle Großbritanniens in Bezug zum Rest der Welt. Als wir dann auch noch ein Streitgespräch geführt haben und dabei die Rollen der britischen und schottischen Regierung, die Sicht Deutschlands, Russlands und Chinas einnehmen mussten, war schnell klar: Wir sind alle froh, dass wir nicht im britischen Unterhaus sitzen.

Ein Teilnehmer aus der Gruppe „Großbritannien“ hat das so zusammengefasst: „Wir wollen die Quadratur des Kreises. Wir bekommen es nicht hin, uns einzugestehen, dass das unmöglich ist.“ Die Schottland-Gruppe hat das Streitgespräch denn gleich mit einer Songzeile beendet. Denn schon die Eagals sangen in ihrem Song „Hotel California“: „You can check out any time, but you can never leave”

Prof. Dr. Burkhard Steppacher, Konrad-Adenauer-StiftungBerlin, hat inzwischen eine vierstellige Sammlung von Karikaturen zum Brexit und zur europäischen Politik, aber eine Antwort auf das aktuelle Brexit-Dilemma hat er auch nicht.


 

Europäische Werte – Religiöse Aspekte im politischen Problem der Integration

In Europa werden 150 Sprachen gesprochen, leben mindestens 270 ethnologische Minderheiten und „nach der Moderne“ definieren wir unsere Grundprinzipien neu. Dabei ist das Erbe des christlichen Menschenbildes für uns entscheidend: In einer Zeit, in der ein Dialog zwischen Partikularismus und Universalismus stark und dominant ist und viele entweder das eine oder das andere wollen, hilft uns das christliche Menschenbild, Partikularität und Universalität zusammen zu denken.

Gerade mit dieser Sichtweise haben vor allem Diskussionsstunden mit Markus Krienke in uns viele Fragen aufgeworfen und gezeigt, dass in einer Welt, in der wir geneigt sind, immer auf alles Antworten parat zu haben, am Anfang aber die Frage steht. Toleranz in der Moderne bedeutet dann – und das lässt sich auf die Integration anwenden – verschiedenen Denkformen zu akzeptieren und zu respektieren.

Prof. Dr. Markus Krienke, Facoltà di Teologia di Lugano, Lugano (CH), hat die Diskussionsfreudigkeit der Gruppe sichtlich genossen.


 

Ein deutsch-italienischer Geschichts- und Gegenwartsort: Besuch der Villa Vigoni („Deutsch-Italienisches Zentrum für Europäische Exzellenz“) und ihres Parks

Dr. Christiane Liermann-Traniello

Manchmal hat die Geschichte kuriose Zufälle für uns parat. Nur 5 km von der Villa „La Collina“ entfernt befindet sich das Deutsch-Italienische Zentrum für Europäische Exzellenz Villa Vigoni. Der letzte Erbe der Familie Vigoni, die auf eine bewegte deutsch-italienische Familiengeschichte zurückblickt, hat in seinem Testament verfügt, dass das gesamte Anwesen in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland übergehen und gemeinsam mit der italienischen Regierung ein Zentrum zum Austausch von Kultur und Wissenschaft entstehen sollte.

Die Existenz des Zentrums hat nichts mit der Anwesenheit Adenauers am Comer See zu tun. Aber Ignazio Vigoni und Konrad Adenauer haben sich gekannt und sind sich während Adenauers Aufenthalten am See mehrmals begegnet.

In der Villa finden heute vor allen Dingen bi- oder trilaterale Forschungskonferenzen statt. Gleichzeitig ist die historische Villa aber auch Zeugnis einer Zeit, in der sich reiche Städter Anfang des 19. Jahrhunderts am Comer See niederließen und als Mäzene in Kunst und Literatur fungierten. So hängen in der Villa noch heute einige Kunstwerke des Künstlers Francesco Hayez, oder befinden sich einige der wertvollsten Mamorarbeiten des dänischen Bildhauers Berthel Thorvaldsen. Der Besuch in der Villa macht deutlich, wie attraktiv die Gegend am Comer See in vielerlei Hinsicht war. Denn auch bei Regen entführt dieser Ort in andere Zeiten: Manchmal sogar so stark, dass man fast schon die Präsenz Adenauers spüren könnte.

 

Globaler Fokus – Migration und Heimat

Migration und Heimat betrifft die ganze Welt, immer schon. Migrationsbewegungen gibt es nicht erst seit dem Herbst 2015, in dem die Flüchtlingswelle aus Nordafrika globale Öffentlichkeit erreicht hat. Migrationsbewegungen gibt es unter Studenten, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Mexiko, von den Philippinen und das sind nur einige wenige Beispiele.

Christian Bilfinger hat mit uns in Gruppenarbeiten Motive und Ursachen für Migrationsbewegungen untersucht. Höhepunkt der Woche war ein Planspiel zu einer Internationalen Migrationskrise –  mit Diplomaten, Regierungsvertretern und Friedensrichtern, die irgendwie versuchen mussten, eine (fiktive) Flüchtlingskrise zu lösen. Und wir als Stipendiaten haben dabei schnell bemerkt: Krisen lassen sich gar nicht so einfach lösen und die Suche nach Kompromissen kann ganz schön frustrierend sein.

Christian Bilfinger, Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit, Referent Flüchtlings- und Migrationspolitik, Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin, wäre gerne selbst KAS-Stipendiat gewesen. Er wurde nach dem Seminar in vertraulicher Runde von  den Teilnehmern zum Ehrenstipendiaten ernannt.


 

Letzte Etappe: Stadtführung durch Mailand

Wenn wir schon einmal so nah dran sind an einer derartigen Metropole wie Mailand, darf natürlich auch eine kleine Tour durch die Stadt nicht fehlen. Wir haben deshalb am letzten Tag das Castello Sforzesco und den Duomo di Milano unsicher gemacht, ganz zu schweigen von all den Eisdielen und Pizzabuden, die wir in der Mittagspause entdeckt haben… So hat das Seminar nicht nur inhaltlich, sondern auch kulinarisch sowohl in Mailand, als auch vor allem in der Villa La Collina überzeugt!

Das Fazit der Woche überlassen wir Katharina Schmoll: „Die Cadenabbia Konferenz 2019 bot eine wundervolle Gelegenheit, politische und gesellschaftliche Herausforderungen und Chancen von Migration sowie zunehmender Identitätspluralität zu reflektieren. Losgelöst vom hektischen Alltag war die Villa La Collina dabei Inspirationsquelle, Ruhepol und Begegnungsstätte. Ich bin motiviert durch die Denkanstöße zu neuer gemeinschaftlicher Initiative, und dankbar für die unzähligen schönen Momente zusammen, die sicherlich noch vielen von uns lange in Erinnerung bleiben werden.“


Autorinnen: Johanna Gremme und Vanessa Wahlig sind JONA-Stipendiatinnen der KAS.

Fotos: Johanna Gremme und Vanessa Wahlig.