Deutschland. Das nächste Kapitel: Deutschland braucht digitale Bildung und Forschung

Unter dem Leitmotiv „Deutschland. Das nächste Kapitel“ regt die Konrad-Adenauer-Stiftung zur Diskussion um die Gestaltung der Zukunft an. Der Fokus der Debatte: die Vielfalt unserer Demokratie, Bildung, Digitalisierung. Auch die Hochschulgruppen greifen dieses Leitmotiv in ihren Veranstaltungen auf. Am 15. Dezember trafen sich die KAS-Hochschulgruppen aus dem Norden in Hamburg, um über Digitalisierung, Industrie 4.0 und künstliche Intelligenz zu sprechen.

 

An diesem Samstag stehen die großen Fragen der Digitalisierung im Raum: Wie sieht die Lebens- und Arbeitswelt der Zukunft aus? Welche Herausforderungen und welche Chancen bieten sich uns? Welche Rolle wird Deutschland global spielen? Klar, diese Fragen können nicht an einem Tag beantwortet werden – es geht um Impulse.

 

Der erste Impuls kommt aus der Politik von Carsten Ovens, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und Fachsprecher für Wissenschaft und digitale Wirtschaft. Ovens ist außerdem im Bundesvorstand von cnetz, einem Verein für Netzpolitik. Seine Schwerpunktthemen: künstliche Intelligenz, digitale Transformation, Blockchain. 

 

Ovens beginnt seinen Vortrag mit einem mittlerweile alten Bekannten, dem sozialen Netzwerk facebook. Der Algorithmus des Netzwerks lerne durch unser Klick- und Scroll-Verhalten. Was nicht nur zu einer personifizierten Werbung, sondern vor allem zu einer politischen Echokammer führen könne. Das bringt Ovens zu der Kernfrage seines Vortrages: Welche Form von künstlicher Intelligenz (KI) wollen wir eigentlich? 

 

Die Daten-Ethikkommission der Bundesregierung beschäftigt sich bereits mit dem Thema KI, allerdings fehle Ovens zufolge eine Diskussion in der Gesellschaft: „Das ist unser Problem: Wenn wir uns nicht betroffen fühlen, diskutieren wir nicht. Aber wir müssen damit anfangen zu überlegen, in welcher digitalen Welt wir leben wollen.“ Der facebook-Algorithmus ist ein Beispiel für sogenannte schwache KI, definiert durch maschinelles Lernen im Rahmen der Möglichkeiten, und sollte daran erinnern, dass jeder Nutzer sich betroffen fühlen sollte. 

 

Abgesehen von der KI-Debatte braucht Deutschland auch eine gute Forschungsstrategie: Man forsche zwar seit den 60er-Jahren zu KI, aber es fehle der Sprung von Forschung zu einem marktfähigen Produkt. Das liege auch an mangelndem Gründungswillen und marktreifen Innovationen. Das umsatzstärkste deutsche Unternehmen im Bereich deep tech sei SAP, „seit über 40 Jahren unser innovativstes Weltmarktunternehmen.“

 Nach dieser Einführung zur KI nimmt Ovens die Region um Hamburg in den Blick – und bemerkt vor allem, wo es in Sachen Digitalisierung in der Politik noch hakt. Die Blockchain-Technologie beispielsweise würde sich für den Bereich Logistik anbieten. Der Hamburger Senat sehe auf Ovens Nachfrage hin hier aber noch keine Anknüpfungspunkte und daher gebe es auch keine Förderprogramme. Am Flughafen Hamburg gebe es neuerdings einen Chatbot – für die Stadt eine Innovation, für Ovens ein alter Hut. 

 

Laut Ovens mangelt es an breiter Akzeptanz und Diskussion. Zu wenig Lehrer würden sich mit ernsthafter Informatik auseinandersetzen und an den Schulen lehren. Das spiegele sich auch an der Universität Hamburg wieder. „Wir brauchen keine Informatiker-Generation, aber einen signifikanten Anteil an Studenten, die sich damit auseinandersetzen.“ In der Initiative Hacker School würden Schülerinnen und Schüler erste Programmierschritte machen. 

 

In der anschließenden Diskussion griffen die Stipendiaten den Bildungsaspekt von Ovens auf: Es ging um den Digitalpakt Schule, Bildungsmobilität innerhalb Deutschlands, allgemeine Bildungsstandards und schließlich auch die Ausstattung der Schule und Universitäten. Die Stipendiaten zeigten sich einig: Digitalisierung und Informatik sollte nicht nur inhaltlich eine größere Rolle spielen, Schulen müssten auch besser ausgestattet sein mit flächendeckendem W-Lan und entsprechenden Geräten. Auch an Universitäten zeige sich ein absurdes Verhältnis zur Digitalisierung, wenn Vorlesungen zum Thema Programmierung über einen Overheadprojektor gehalten werden.

 

Den zweiten Impuls an diesem Samstag gibt Michael Prange, Geschäftsführer der Unternehmensberatung incontecs GmbH und Lehrbeauftragter für Entrepreneurship und Technologiemanagement an der Technischen Universität Hamburg. Prange legt den Fokus seines Vortrages auf Begrifflichkeiten: „Jeder hat eine Vorstellung von den Themen, aber es gibt keine gemeinsame Basis.“ 

 

Digitalisierung an sich bedeute in der Wirtschaft vor allem eine Veränderung von Geschäftsmodellen und –prozessen durch die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien, so Prange. Informations- und Kommunikationstechnologien betreffen alle Lebensbereiche, doch speziell in der Industrie 4.0 könne es die Wertschöpfung steigern – „Konjunkturwellen durch neue Basistechnologien“, sagt Prange. 

 

Aus dem Oberthema Digitalisierung hat sich Prange acht Bereiche herausgegriffen: von Cloud Computing, Big Data und Machine Learning über Augmented Reality, Autonome Mobile Roboter und Additive Fertigung zu Embedded Systems und Blockchain. Anstatt diese Bereiche nur zu definieren, erläutert er auch die wirtschaftlichen Chancen und Herausforderungen des digitalen Wandels. 

 

Eine Herausforderung sei zum Beispiel, dass die klassische IT derzeit mit Transaktionen beschäftigt sei, um eine „stabile Welt zu gewährleisten“: Vertrieb, Fertigung, Versand. Aber die IT müsste sich auch hin zu Interaktionssystemen entwickeln: Kommunikation, Interaktion und Kollaboration sind hier Pranges Schlagworte. Schließlich gehe es darum, diese zwei Systeme in Gleichschritt zu bringen. 

 

Einen Wandel sieht Prange auch in der Nutzung von Systemen: Statt Destkopanwendungen mit vielen Details und Masken entwickelten sich Betriebssysteme zu intuitiven Anwendungen, die auch auf mobilen Geräten funktionieren. Das werde besonders mittelständische Unternehmen beeinflussen, auch wenn diese Veränderung keine neue Wertschöpfung bringt. Industrie 4.0 erfordere am Ende so nicht nur eine digitale Abbildung der Fabrik, sondern ein Neudenken von Strukturen.

 


Autorin: Annabell Brockhues ist JONA-Stipendiatin in der Hamburger Hochschulgruppe 04.

Fotos: Christopher Göthel