500 Jahre Reformation: Warum Konfession und Politik auch nach fünf Jahrhunderten noch eng miteinander verbunden sind?

Wittenberg 1517: Die kleine, spätmittelalterliche Stadt ist voll von Pilgern, Händlern und Geistlichen. Pilger, die Ablassbriefe kaufen, um ihre Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Diese Geschäftsidee der Kirche boomt, so kann Rom sich den Bau der riesigen Kathedrale leisten. Inmitten der kleinen Stadt empört sich ein Mönch über die Missstände der katholischen Kirche: Er will die Kirche reformieren. Dass er mit seiner Reformidee epochenmachende Wirkung haben würde, konnte Martin Luther damals nicht ahnen. 

 

Lutherstadt Wittenberg 2017: 500 Jahre später ist Martin Luther nicht nur in seiner Wirkungsstätte namentlich allgegenwärtig, sondern wird im Zuge des Reformationsjubiläums auch in ganz Europa wieder in den Fokus genommen. Für die Kleinstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt, die etwa 100 km von Berlin entfernt ist, ein großer Gewinn. Nicht nur zahlreiche Touristen aus der ganzen Welt besuchen seit Beginn der Dauerausstellung die 47.000 Einwohner-Stadt, sondern auch zahlreiche Studenten kommen hierher, um auf den Spuren des Reformators Martin Luther zu wandeln. Auch Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung machten sich aus ganz Deutschland auf den Weg, um im Rahmen der „Luther-Feierlichkeiten“ im August am Aufbauseminar „Politik und Protestantismus“ unter der Leitung von Dr. Rainer Täubrich, teilzunehmen. Das „Wittenberg nicht nur im 16. Jahrhundert am Rande der Zivilisation“ lag, bemerkte dabei nicht nur Seminarleiter Dr. Rainer Täubrich recht schnell.  

 

 

Seminarwoche: Identitätsfrage und Gemeinsamkeiten

 

Insgesamt haben 31 Stipendiaten am Aufbauseminar teilgenommen. Diese außergewöhnlich hohe Zahl beweist: Das Interesse an Luther ist enorm stark. Wie facettenreich Luthers Erbe auch noch heute ist, haben die Stipendiaten innerhalb der Seminarwoche, die im Rahmen der Summerschool aller Förderwerke stattfand, erleben können.  

 „Luther war ein Gottsuchender“, so wird ihn Margot Käßmann in ihrer Wittenberger Kanzelrede am Ende der Seminarwoche beschreiben. Auch die Stipendiaten sind „Gottsuchende“ - daher stand während des ganzen Seminars die Auseinandersetzung mit der eigenen Konfession, mit dem eigenen Glauben immer im Vordergrund.

 


Eine Vielzahl der Stipendiaten sind Theologie-Studenten mit Berufsziel: Pfarrer oder Priester. Andere Stipendiaten wiederrum beschäftigten sich nicht täglich mit ihrer Konfession. Welchen Stellenwert die Konfession dennoch für die Stipendiaten hat, erzählen einige im Video:

Zeitreise: Mit Luther durch die Geschichte

 

Den Anfang der Woche hat Altstipendiat Dr. Valentin Wendebourg, zurzeit Sondervikar in der EKD-Vertretung in Brüssel, mit einer historischen Reise vom Vorabend der Reformation bis hin zum ersten Weltkrieg gemacht. Neben den historischen Fakten haben die Stipendiaten dabei auch viel über die aktuellen Herausforderungen der Koexistenz der katholischen und evangelischen Konfession gelernt. Direkt vor Ort in den Wittenberger Kirchen hat Dr. Wendebourg auch die Fortschritte des Reformators Luthers zusammengefasst. Luthers vier reformatorische Prinzipien (solus christus, sola fide, sola gratia und sola scriptura) sind auch heute noch in der Stadtkirche und in der Schlosskirche in Wittenberg greifbar. Nicht zuletzt wird hierdurch auch nochmal deutlich, dass die Reformation im Jahr 1517 nicht nur der Ursprung von einer Neuordnung der Kirche war, sondern bis heute viele Errungenschaften, auch innerhalb der Politik, vor 500 Jahren ihren Weg genommen haben. Für Dr. Valentin Wendebourg ist das Reformationsjubiläum deshalb:

 

Luther und sein Erbe: Lutherstadt Eisleben und Halle 

 

Wer war Luther, der „Gottsuchende“? Der Antwort konnten sich die Stipendiaten auch durch die Besichtigung seines Geburts- und Sterbehauses in Eisleben annähern. Für viele Pilger des Reformationsjubiläums ist Eisleben der Ort, an dem sie dem Reformator am nächsten sind, auch wenn die meisten Gegenstände des Hauses nicht aus Luthers Zeit stammen.

Ein Beispiel für das Fortleben der reformatorischen Gedanken in den Köpfen anderer großer Persönlichkeiten ist der Pietist August Herrman Francke. Mit einem Besuch der Franckschen Stiftungen in Halle konnten sich die Seminarteilnehmer mit seinem Erbe vertraut machen. Dort stand auch ein Besuch der Ausstellung „Du bist frei. Reformation für Jugendliche“ an. Die Mitmachausstellung für Jugendliche hat Reformation unkonventionell betrachtet. Das Konzept bot den Seminarteilnehmern eine Diskussionsgrundlage für die Frage, was wohl der beste Weg sei, Jugendliche mit der Reformation vertraut zu machen.

 

Luther und die Menschen: Ideengeber und  Wegweiser

 

Auch wenn heute Luther die Identifikationsfigur schlechthin für das Reformationsjubliäum ist, so ist die Reformation doch vielmehr als nur „Martin Luther.“ Das ist auch die Botschaft der Ausstellung „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“ in Wittenberg. Ob Goethe, Mann oder Luther King, viele Menschen verbindet etwas mit dem Reformator aus Eisleben. Und dies ist neben Lobpreis auch oft Kritik. 

 

Neben den Originalschauplätzen oder den Ausstellungsbesuchen boten auch Vorträge über den Zusammenhang von Religion und Wirtschaft, den Protestantismus in den deutschen Diktaturen, Luthers Liebe zur Musik oder die überkonfessionelle CDU und ihren Evangelischen Arbeitskreis den Seminarteilnehmern einen Einblick in das Leben und das Nachwirken Luthers. So stand am Ende der sehr intensiven Lutherwoche die Frage: Was bleibt von der Reformation? 

 

Luther heute: Unser Fazit 

 

Es war ein ganz besonderes Seminar, zu Beginn des Seminars erkannte Seminarleiter Rainer Täubrich bei uns Stipendiaten „Zahnräder, die sich in Bewegung setzen“ und entließ uns am Ende der Woche mit dem Wunsch: „Es wäre schön, wenn nun noch das ein oder andere Zahnrad dazu gekommen ist.“ Besonders schön war es, dass auch Dr. Susanna Schmidt, Leiterin der Hauptabteilung Begabtenförderung und Kultur, uns einen Tag in Wittenberg besucht hat, um an Diskussionen und Vorträgen teilzunehmen und sich selbst ein Bild von den Reformationsaktivitäten zu machen.

Uns rauchten ganz schön oft die Köpfe, aber trotzdem haben wir uns während des ganzen Seminars die Worte Margot Käßmanns zu Herzen genommen: „In der Kirche darf auch gelacht werden.“ Denn ein solches Seminar besteht nicht nur aus Inhalten, sondern vor allem aus den Teilnehmern. Jeder bringt seine eigene Geschichte, sein Wissen und seine Ideen mit. Und so ist ein Seminar auch immer wieder eine Möglichkeit für jeden einzelnen Stipendiaten, auf vielerlei Hinsicht seinen Horizont zu erweitern.


Die Autoren: Von Johanna Gremme und Vanessa Verena Wahlig, Stipendiatinnen der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA). Beide sind seit 2015 Stipendiatinnen der Adenauer-Stiftung. Johanna hat gerade ihren Bachelor in Deutsch-Italienischen Studien in Bonn/Florenz beendet und macht nun einen Master in Renaissance-Studien an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Vanessa hat ihren Bachelor an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz in Politikwissenschaft und Italienischer Philologie gemacht und studiert nun Demokratie und Governance an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

 

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